Ich war vor einigen Jahren bei der Schokoladenmanufaktur Zotter in der Steiermark. In Österreich ist vor allem Josef Zotter sehr bekannt, ein sehr charismatischer und durchaus auch umstrittener Unternehmer, der in seinem Leben schon viele Auf und Abs erleben musste.
Was mich an diesem Tag neben den vielen wissenswerten Informationen rund um Schokolade und dem unvermeidlichen Zuckerexzess am meisten beeindruckt hat, war ein kleiner Teil des Outdoor-Ausstellungs-Bereichs: der “Ideenfriedhof”. Dort werden Ideen für Schokolade-Kreationen begraben, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr produziert werden. Meine erste Reaktion, als wir daran vorbei schlenderten, war Unverständnis. Ist das nicht etwas makaber? Und warum sollen Ideen begraben werden, gestehe ich damit nicht eigentlich gut sichtbar für alle, ein Scheitern ein?
Aber das Konzept regte mich zum Nachdenken an und ich erinnerte mich in vielen Situationen im geschäftlichen Alltag daran:
Wir leben in einer Zeit des Ausprobierens, des Versuch und Irrtum (engl. “Try and Error”). Das ist ein angenehmer Kontrast zu dem tradierten Festhalten an Konventionen. Mit dem Satz “Das haben wir immer schon so gemacht” ruft man mittlerweile sofort viele selbst ernannte Innovations-Experten auf den Plan, die schnell erklären, dass diese Einstellung wohl gar nicht mehr der heutigen Zeit entspricht. Zurecht! Gut gebrüllt! Damit kann man keinen Wettbewerb in den heutigen Märkten gewinnen.
Doch wie so oft schlägt das Pendel dann auf die andere Seite aus. Es herrscht ein reger Ideen-Wettbewerb, jeder soll und möchte mit eigenen Ideen brillieren. Und auf den Ideen sollte auch in großen Buchstaben der eigene Name kleben. Das ist Innovation, “Change ist Programm!” Daran ist auch wirklich nichts auszusetzen. Problematisch wird es meiner Meinung nach aber, wenn drei Aspekte nicht berücksichtigt werden:
- Es gibt keinen – wie auch immer gearteten – Prozess von Priorisierung. Jeder der laut genug schreit oder der einfach loslegt, wird beklatscht. Das artet oftmals in Pseudo-Aktivismus aus, wo man stolz seine Initiativen bei jeder sich bietenden Gelegenheit anpreist. Management-Meetings scheinen hierfür eine besonders beliebte Plattform zu bieten.
- Die Firmenkultur belohnt nur neue Ideen. Das Fortführen einer bestehenden Idee/Initiative wird als selbstverständlich gesehen oder im schlimmsten Fall sogar als Festhalten an alten Strukturen verurteilt. Bestes Beispiel sind Wissens-Sammlungen, die sehr schnell veralten bzw. mehrmals im Unternehmen existieren. Wer ein neues Portal ankündigt, wo nun wirklich alle Informationen zugänglich sind, wird sicher mehr beklatscht, als jemand, der bestehende Quellen auf den aktuellen Stand bringt.
- Es gibt keinen formalisierten und doch pragmatischen Zugang, Ideen auch wieder zu begraben.
Dieser dritte Punkt schließt den Kreis zu meiner Eingangserzählung von dem Ideenfriedhof von Zotter. Sich von Ideen zu trennen, Initiativen zu beenden und das auch aktiv zu kommunizieren ist für echte Innovation vielleicht die schwierigste und meiner Erfahrung nach wichtigste. Wer entscheidet, dass eine bestimmte Initiative nicht mehr verfolgt wird? Wie lässt sich eine politisch akzeptable Begründung für diese Entscheidung finden, ohne dass Köpfe rollen müssen?
Ein Ideenfriedhof ist meiner Meinung nach ein sehr pragmatischer Zugang, der helfen kann, Platz zu schaffen. Er veranschaulicht, dass nicht jede Idee zum Erfolg führen kann und er ist ein emotionales Archiv für lieb gewordene, aber durch eine bewusste Entscheidung ausgemusterte Aktivitäten. Wie ein Friedhof sollte er uns gelegentlich an die Vergangenheit erinnern ohne uns in der Gegenwart zu blockieren.