Eines Tages lauschte ich beim Auto fahren mit einem viertel Ohr einer Diskussions-Sendung im Radio. Eigentlich war ich eher schon in freudiger Erwartung des nächsten Liedes, als folgende Worte der Radio-Moderatorin an mein Ohr drangen: “Jetzt bin ich schon total gespannt auf den nächsten Hörer-Beitrag. Hubert F. aus Unterretzbach wird uns mitteilen, was er über den Klimawandel denkt!”.
Vor lauter Anspannung konnte ich nur mit mit Mühe eine Vollbremsung vermeiden. Was würde ich wohl von Hubert F. Neues zu diesem Thema erfahren? Hatte er Informationen, die bis jetzt der Öffentlichkeit verborgen geblieben waren? Konnte er Querverbindungen ziehen, die allen Think Tanks bisher entgangen sind? Die Ernüchterung kam rasch und ließ mich wieder entspannt in den Fahrersitz sinken.
Doch das brachte mich im allgemeinen darüber nachzudenken, wie wir in der Gesellschaft mit Meinungen, vermeintlichen Fakten und Diskurs umgehen.
Außer Frage möchte ich den hohen Wert von freier Meinungsäußerung stellen. Ich sehe das als einer der wichtigsten Maxime einer offenen Gesellschaft. Und diese muss es eben auch aushalten, dass unsinnige, unwichtige und manchmal auch falsche Meinungen artikuliert werden. Gäbe es eine transparente, objektive Instanz, die Meinungen gegenüber Fakten überprüft, wäre es sinnvoll, diese bei öffentlichen Meinungsäußerungen anzuwenden. Aber die gibt es nicht! Also müssen wir mit dem zweitbesten Ansatz leben, Meinungsäußerungen manchmal auch unkommentiert im Raum stehen zu lassen.
Das macht daher aber den Prozess der Meinungsbildung sehr kompliziert. Mit Ironie habe ich in manchen Gesprächen die “gute, alte Zeit” herbeigesehnt, wo man im Zweifel die Meinung eines Priesters, eines Politikers oder eines Lehrers eingeholt hat und damit wieder zu 100% sicher sein zu können, im Besitz der Wahrheit zu sein. Das funktioniert heute nicht mehr. Es gibt unterschiedliche Meinungen – selbst von Experten. Und alle an einer Krankheit leidenden Patienten oder Eltern von Kindern kennen dieses Dilemma nur zu gut: Zwei Ärzte, drei Meinungen. Und wenn ein Politiker einen Satz mit einem “Dieses Mal bin ich wirklich der Meinung, dass…” einleitet, dann leuchten unsere Lügen-Detektoren nicht nur in rot, sondern in allen Farben des Regenbogens.
Meinungsbildung und die noch formalisiertere Schwester Wissenserwerb sind tatsächlich komplex und mühsam. Die Wissenschaftstheorie lässt tatsächlich nur die folgenden Methoden zu:
- Bezug auf Quellen: Zu behaupten, “Herr Hubert F. hat am 03.Dezember 2020 gesagt, dass..” ist zulässig, wenn man eine Quelle nennen kann, die überprüfbar ist.
- Logische Schlussfolgerungen, die aus sogenannte Prämissen (Basis) gewonnen werden. Aus “Alle Menschen sind sterblich” und “Sokrates ist ein Mensch” folgt logisch “Sokrates ist sterblich”.
- Systematische Erkenntnisse auf Basis von anerkannten wissenschaftlichen Methoden, z.B. statistische Erhebungen, repräsentativen Experteninterviews. Dies ist die schwammigste Methode und damit auch die umstrittenste. Solange sie aber transparent beschrieben ist und sich dem öffentlichen Diskurs aussetzt, ist sie zulässig und in der Realität unumgänglich.
Für die Meinungsbildung im Alltag sind diese Ansätze nur bedingt tauglich. (Es macht aber durchaus Spass, Meinungsäußerungen bei einer gemütlichen Bierrunde nach den oben genannten Kriterien zu hinterfragen. Ich würde das aber nur bei belastbaren Freundschaften bzw. Bekanntschaften empfehlen, die sie ohnehin schon seit längerer Zeit auslaufen lassen wollen!)
Mir persönlich habe ich folgende einfache Tipps für den privaten und beruflichen Alltag zurecht gelegt:
- Wenn Meinungen voller Inbrunst geäußert werden, sollte man bei der Beurteilung den Kontext der Person und des Themas (bzw. gegebenenfalls den Alkoholspiegel) berücksichtigen, bevor man mit einem Kampfschrei eine emotionale Diskussion eröffnet
- Diverse Meinungen sind normal und spiegeln einfach die Komplexität unserer Welt wider.
- Man sollte aufpassen, genau zwischen “Wissen” und “Glauben” zu unterscheiden.
- Und das vielleicht wichtigste: Es ist absolut in Ordnung, nicht zu allem und jedem eine Meinung zu haben. Denn: Keine Meinung zu haben heißt nicht, dass einen das Thema nicht interessiert oder wichtig ist. Es heisst auch nicht, dass man niemals eine Meinung dazu haben wird. Es heißt nur, dass man im Moment keine Meinung zu diesem Thema hat.
Ich gebe zu, dass ich den Ausführungen von Hubert F. nicht bis zum Schluß gelauscht habe. Ich finde es gut, dass er diese im Radio äußern darf. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich zum Klimawandel bereits eine Meinung habe. Und dass ich diese nicht im Radio äußern werde, so lange ich damit nicht neue Aspekte in die öffentliche Diskussion einbringen kann.