Danke für eh alles!

Es gehört zweifelsohne zu den schönen Seiten des Menschsein, wenn wir uns gegenseitig etwas Gutes tun und das von der anderen Seite auch anerkannt wird. Man bringt schon Kindern bei, dass man sich zu bedanken hat – auch wenn man die Geschenke der Großtante eigentlich komplett unpassend findet und sich während der Geschenkannahme schon überlegt, in welchem Mistkübel die edlen Gaben landen werden.

Im Geschäftsalltag wird geradezu inflationär mit Danksagungen umgegangen: Manager bedanken sich bei Ihren Mitarbeitern, Verkäufer bei ihren Kunden, Partner bei ihren Zulieferern. Das ist schön, das wärmt das Herz. 

Aber was sind die Motive dahinter?

Wenn Mitarbeiter allzu oft von deren Chefs gedankt wird, dann könnte das darauf hindeuten, dass das Budget für Gehaltserhöhungen für dieses Jahr wieder eingefroren wird. Und wenn sich der Verkäufer am Ende einer Besprechung dafür bedankt, dass sich der Kunde dafür Zeit genommen hat, liegt dem vermutlich weniger die Freude über den intellektuellen Austausch zugrunde, als die Hoffnung auf lukrative Abschlüsse. Was bleibt also von der edlen Grundhaltung des Dankenden über? Und was kommt beim Bedankten an?

Ich möchte hier kein Plädoyer für eine un-dankbare Gesellschaft halten. Aber die Frage drängt sich auf, wann ein Danke zu einer inhaltsleeren Floskel verkommt? Wikipedia definiert den Dank als die “wohlwollende Erwiderung empfangener Hilfe”, also eine Reaktion auf eine freiwillige, gute Tat eines anderen Menschen. Die Grenze zu bloßer Pflichterfüllung ist fließend. Jeder von uns freut sich, wenn man ein Danke hört, auch, wenn man “bloß seinen Job gemacht hat”. 

Aber warum bedankt sich der Support-Mitarbeiter 3 Mal (!), das man heute den Support kontaktiert hat? Warum beginnt und endet quasi jeder Geschäftskontakt mit einer überschwänglicher Danksagung? Sollte nicht der Kontakt an sich für beide Seiten nutzenstiftend sein? Wenn er das nicht war, würde vermutlich auch ein Danke nicht viel daran ändern, dass man an weiteren Besprechungen nicht interessiert ist.

Das Wort “Danke” steht für mich stellvertretend für viele Floskeln, die wir uns und unseren Kindern über die Jahre antrainieren. Das beginnt mit dem “Wie geht es Ihnen?” über das “Liebe Grüße” bis zu dem obligatorischen “Frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr für Sie und Ihre Familie”. Es fragt sich, warum man das nicht auch noch den Nachbarn des Bekannten und deren Kindergartenfreunden wünscht? Eigentlich könnte man ja einfach sagen “Ich wünsche Ihnen – und allen die sie kennen und die sie nicht kennen – schöne Weihnachten”. Genauso generisch, genauso authentisch.

Die kleine Schwester des inflationären Danke ist das unspezifische Lob. Es würde keine Firmen-Weihnachtsfeier ohne dem obligatorischen “Ihr habt in diesem Jahr alle tolle Arbeit geleistet” in Fahrt kommen. Das motiviert, das geht runter wie Öl. Als Firmenchef kann man schon nach ein paar Punsch etwas rührselig werden und die Firmenbelegschaft als eine glückliche Familie sehen. Nur, sie ist es nicht. Und es haben auch nicht alle tolle Arbeit geleistet. Unter dem Strich perlt das Lob und der Dank an denen ab, die ihn verdient haben. Und macht nach dem Gießkannen-Prinzip auch die nass, deren Fähigkeiten sich mehr in Bezug auf Solitär oder Tinder entwickeln, als in Bezug auf deren Produktivität.

Es gibt Studien, die für uns Menschen eine Obergrenze von 150 Kontakten festgestellt haben, zu denen wir gleichzeitig eine wirkliche soziale Bindung unterhalten können. 1 Das ist nicht viel. Facebook, LinkedIn & Co würden nicht so erfolgreich werden, wenn beim Hinzufügen des 151.Kontakts eine Warn-Nachricht angezeigt würde a la “Sie fügen gerade eine Person hinzu, die ihnen in Wirklichkeit vermutlich vollkommen egal ist!” 

Es ist in Wahrheit unbedingt notwendig, dass wir uns sozial beschränken. Zu viele persönliche Kontakte würden uns überfordern, unser mentales und zeitliches Budget sprengen. Deswegen gibt es neben den engeren Freunden auch einen Kreis von oberflächlich Bekannten. Diese kennen wir beim Namen, halten Small-talk und haben auch eine grobe Einschätzung, ob wir sie mögen. Mehr aber auch nicht. 

Für die Gruppe von oberflächlichen Bekannten und gänzlich Unbekannten wurde die Höflichkeit erfunden. Die Höflichkeit ist ein wichtiger Gesellschafts-Kitt, der uns in der Evolution viele unliebsame Nebeneffekte erspart hat. Man kann sich auf gewisse gesellschaftliche Normen verlassen und muss auch nicht ständig um sein Leben fürchten. 

Aber versuchen wir nicht die Quadratur des Kreises: Lassen wir persönliche Kommentare dort, wo sie hingehören. Und bleiben wir in der Öffentlichkeit bei einem höflichen, authentischen Sprachstil, den das Gegenüber auch ernst nehmen kann.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Es hat Spass gemacht, diesen Artikel zu schreiben und ich freue mich über Rückmeldungen, wenn diese interessant sind!

 
Fussnoten

1 Harari, Yuval Noah. Eine kurze Geschichte der Menschheit. 3. Edition. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013.

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