Muss man als Volksmusiker seinen Job lieben?

Motivation von Mitarbeitern ist ein reiches Themenfeld für Wissenschaftler, Führungskreis-Zirkel und eine Heerschar von Beratern. Es steht ausser Zweifel, dass es in der heutigen Zeit einen riesigen Unterschied macht, ob Mitarbeiter Dienst nach Vorschrift machen oder wirklich für deren Tätigkeit brennen. Der Anteil an sogenannten “Wissens-Arbeitern” und “Kreativen” ist in digitalen Märkten deutlich höher und in diesem Fall lässt sich der Output wesentlich schwieriger vorhersagen und erzwingen als bei einer Industrieproduktion im Fließband. Es ist schön, dass diese Weltsicht bei den meisten Unternehmen in die Personalabteilungen und Management-Schichten Einzug gehalten hat. Das Credo ist also seine Mitarbeiter zu begeistern, jeder Mitarbeiter benötigt Sinnstiftung (“Purpose”).

Der sehr anschauliche Vergleich ist das Commitment, das viele von uns bei Tätigkeiten in der Freizeit aufbringen. Der Präsident vom Tennis-Verein verbringt mit Hingebung seine Wochenenden unbezahlt im Club-Haus und erledigt Aufgaben ungefragt. Man hört selten, dass er für diese Wohltätigkeiten nach einem lukrativen Aktien-Paket anfragt oder sich darüber beschwert, dass im Kollektiv-Vertrag für Tennisvereins-Präsidenten keine Rauchpause vorgesehen ist. Warum – so fragen sich viele – funktioniert diese intrinsische Begeisterung auf der privaten, und so selten auf der beruflichen Seite?

Der Management-Experte Reinhard K. Sprenger begründet das mit dem sogenannten “Korrumpierungseffekt”: Extrinsische Motivation tötet intrinsische Motivation. Einfach gesagt: Wenn Dir etwas grundsätzlich Spass macht und ich gebe Dir Geld dafür, dann macht es Dir weniger Spass. Da ist in vielen Fällen schon was Wahres dran. 

Aber machen alle Tätigkeiten gleich viel Spass? Ich erinnere mich an eine Episode während meiner Schulzeit, als sich die Putzfrauen über unsere Unordentlichkeit im Klassenzimmer beschwerten. Ein Schulkamerad entgegnete dem mit beachtlichem Selbstbewusstsein: “Warum sind Putzfrauen immer so negativ? Sie sollten doch ihren Job lieben!” Ist das der Ausdruck eines sich selbst überschätzenden Elite-Denkens? Oder liegt es tatsächlich an jedem einzelnen von uns, sich den Job “schön zu denken”.

Volksmusik-Stars wie Florian Silbereisen oder DJ Ötzi sind nachweislich deutlich besser bezahlt als Putzfrauen. Aber kann man von ihnen verlangen, dass sie – trotz oder wegen des Geldes – ihren Job lieben? Würde es uns nicht allen eine unglaubliche Überwindung abverlangen, die süsslichen Texte von irgendwelchen – vermutlich auch gut bezahlten – Song-Writern mit einem Honigkuchen-Lächeln in die Kamera zu trällern. Es erfüllt seinen Zweck, bringt vielen Menschen Freude. Also wäre es doch absolut in Ordnung, wenn Florian Silbereisen während er “Ich wünsche mir ein Feuer, das im Herzen brennt” intoniert, sich überlegt, welche Yacht er mit seinem heutigen Honorar erwerben wird. Oder ist das Betrug am Publikum, an seinen Auftraggebern?

Diese Überlegung führt mich zurück zum banalen Berufs-Alltag und dem Interessenskonflikt zwischen den Eigentümern, dem Management und den einfachen Mitarbeitern. Die Wirtschaftswissenschaft hat dies mit dem “Principal-Agent”-Problem schon seit vielen Jahren erforscht und Lösungsansätze aufgezeigt. Mitarbeiter zu Miteigentümern zu machen reduziert die Asymmetrie, Management-by-Objectives kann Transparenz schaffen, Well-being Programme erzeugen Wohlwollen und Loyalität – aber das Grundproblem bleibt bestehen. Der Manager und der Mitarbeiter wird immer seine eigenen Ziele verfolgen und sein Verhalten dahingehend optimieren.

Ist das schlimm?

Für Eigentümer bzw. Manager, die sich 100% Gefolgschaft erträumen, empfehle ich eine Zeitmaschine in vergangene, “bessere” Zeiten oder das Auswandern. Sie werden mit den heutigen Human-Kapital nicht glücklich werden. Aus meiner Sicht ist der Schlüssel gegenseitiges Verständnis und ein großer Schuss Pragmatismus:

Wenn Mitarbeiter für ihre derzeitige Arbeit brennen, dann ist das natürlich für beide Seiten toll. Aber das zu erwarten, schafft Frustration. Beim Manager weil er sich ständig von illoyalen Faulpelzen umgeben fühlt. Und beim Mitarbeiter, weil er entweder Begeisterung vorspielen muss oder sich ständig schlecht behandelt fühlt.

Tatsächlich geht diese Wunschvorstellung auch oftmalig am ursprünglichen Ziel vorbei: Nicht jeder für-die-Sache-brennende Mitarbeiter ist ein Top-Performer. Vielleicht verzettelt er/sie sich oder steuert auf ein Burn-out zu. Und nicht jeder NICHT-für-die-Sache-brennender Mitarbeiter ist ein Arbeitsverweigerer. Vielleicht geht er/sie ohne Hast zielstrebig auf das zu erreichende Ziel zu.

Ich bin kein Fan von Volksmusik, aber ich erkenne an, dass es sein Publikum hat. Und ein zahlendes Publikum ermöglicht gut bezahlte Pragmatiker, die ihre Nase in die Kamera halten. Was soll also daran schlecht sein?

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