… und was ich auch noch sagen wollte…

Ich finde es gibt kaum eine intelligentere und unterhaltsamere Krimi-Serie als “Columbo”. Faszinierenderweise kennt man ja von Anfang an den Täter und trotzdem bleibt es die ganze Zeit über spannend. Man ertappt sich immer wieder dabei, den sympathischen Hauptdarsteller – Peter Falk als Inspektor Columbo – zu bewundern, wie er die abgehobenen und ihn offensichtlich unterschätzenden Bosse, langsam aber sicher in die Enge treibt und schlussendlich überführt.  

Sein Markenzeichen ist seine scheinbar unstrukturierte Frageweise – die gerne auch durch belangloses, vom Thema völlig abschweifende Erzählungen unterbrochen werden. Und immer wenn man glaubt, er ist mit seinem Verhör am Ende, hängt er noch “… eine letzte Frage hätte ich da noch” an. Das Gegenüber – als wichtige Person zumeist notorisch unter Zeitdruck – reagiert dementsprechend genervt, die Konzentration sinkt und sie verliert völlig den Überblick. Columbo scheint damit sein Ziel zu erreichen, er hat noch jede Serie mit einer vollständigen Erklärung der Geschehnisse abgeschlossen. 

Dieselbe Technik scheint in der Kommunikationskultur vieler Unternehmen gelebte Praxis zu sein. Der Kommunikationsstil ist ausschweifend, Struktur wird bestenfalls namentlich genannt, aber selten angetroffen. Und um nur ja nicht irgendwo ein klares Bild zu hinterlassen, wird unbedingt jegliche Information, die sich gerade zufällig in den Vordergrund drängt, auch noch mit aufgenommen. 

Am besten lässt sich das bei Präsentationen beobachten: 

Es ist vernünftig für jedes Slide eine Überschrift zu haben, die das Gesagte zusammenfasst. Zumeist findet sich dann aber auch noch eine “Unter-Überschrift”, ausführlichst ausformulierte Textblöcke – natürlich meistens mehr als einer pro Slide – und weitere farblich extrovertiert gestaltete Captions a la “Besonders wichtig!” oder “Die Nr. 1” oder “Unbedingt beachten!”. Wahre Kommunikations-Verwirrungs-Profis fügen dann noch zusätzliche Animationen ein, die das ohnehin üppige Bild noch weiter überfrachten. Es scheint das Ur-Prinzip zu gelten: Kein Pixel darf ungenutzt bleiben, der Benutzer muss – im wahrsten Sinne des Wortes – überwältigt werden! 

Das Phänomen ist wohl bekannt: Über Begriffe wie “Powerpoint-Schlacht” und “Verbal-Terrorismus” kann vermutlich jeder schon leidvoll ein Liedchen singen. Man ist sich also scheinbar der Problematik bewusst, viele Präsentationen werden auch mit einem LIppenbekenntnis a la “Wenn etwas nicht klar ist, können Sie mich jederzeit unterbrechen” oder “Das soll eine interaktive Session und kein Monolog werden” eingeleitet. 

Das schürt Hoffnung! Doch dann rollen die ersten Informations-Tsunamis unbarmherzig auf die Zuhörerschaft zu. Um den Effekt zu verstärken, wird zumeist auch noch die Redegeschwindigkeit kontinuierlich erhöht. Die Hartgesottenen bleiben mental auch nach der dritten Folie munter, spätestens nach 30 Minuten gibt das Publikum geschlossen w.o.

Ich habe diesbezüglich immer wieder bei entsprechenden Protagonisten nachgefragt, wie es ihnen als Zuhörer bei “Powerpoint-Schlachten” gegangen ist und ob man nicht den Versuch starten könnte, die Informationen auf das Wesentliche zu reduzieren. Die Antworten reichen dann von “Die Slides sollten ja auch für Personen verständlich sein, die nicht am Vortrag teilgenommen haben” bis hin zu dem Totschlag-Argument “Das Thema ist einfach komplex”. 

Während meiner Zeit als Vortragender auf der Universität war dies eines meiner Lieblings-Themen. Und ich stellte sowohl mir als auch den Studenten immer wieder die Frage: Wie können Sachverhalte strukturiert und nach Einstein “so einfach wie möglich. Aber nicht einfacher!” dargestellt werden. Das ist tatsächlich eine Kunst, die man nie zu 100% beherrschen wird. Es ist aber bereits ein großer Schritt, sich immer und immer wieder an dieses Ziel zu erinnern und sich selber dagegen ständig zu reflektieren.

Als praktisches Beispiel habe ich meinen Studenten einen Satz vorgelesen, der original aus einer Master-Arbeit stammt:

“Ist dies nicht der Fall, weil sich der Kunde z.B. für ein Produkt interessiert, welches produktverteuernde Features beinhaltet, welche er nicht benötigt oder im Umkehrschluss aufgrund seines Einsatzzweckes nicht beinhaltet sind, muss ein Hinweis auf das Vorliegen einer Entscheidung unter Ungewissheit erfolgen und eine alternative Empfehlung unter Anwendung von Techniken, z.B. der Unfreezement-Phase, innerhalb des Change-Managements, zum Ausdruck gebracht werden, welche das Ziel verfolgt, den Qualitätsmaßstab, bei gleichzeitiger Senkung des Kaufrisikos, mittels Übergang von rationalen auf emotional Argumenten, auf die nächst höhere Ebene zu hieven.”

Ja, das ist 1 Satz und zugegebenermassen aus dem Kontext gerissen. Und es geht mir dabei wirklich nicht um das Herabwürdigen des Autors (und ich habe auch dessen Namen nie genannt), sondern um ein besonders plakatives Beispiel von Informationsübertragung, die den eigentlichen Zweck nicht erfüllt – nämlich die direkte Verbindung von Gehirn zu Gehirn mit möglichst wenig Aufwand für das Kodieren und Dekodieren der Information. Das ist aber die Voraussetzung für ein Internet of Brains – für eine Kollaboration unter Menschen.

Ein für mich faszinierender Ansatz sind Konzepte wie die “Einfache Sprache” oder “Leichte Sprache”. Diese wurden zunächst für Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen konzipiert, ist aber meiner Meinung nach generell ein guter Anhaltspunkt für gelungene Informationsübertragung. Das Faszinierende dabei ist, dass vormals hoch komplexe Texte mit annähernd der selben Anzahl von Wörtern und ohne Informationsverlust wider gegeben werden können.

Das Wirtschafts-Magazin Brand eins bringt in ihren Ausgaben jeweils ein Beispiel für diese Transformation von komplexer zu leichter Sprache. Ein Beispiel:

Die Beliebtheit und weite Verbreitung alkoholischer Getränke erklärt sich nicht zuletzt durch die meist angenehm empfundene Wirkung eines mäßigen Alkoholkonsums. So wirkt er in geringer Menge in der Regel anregend und stimmungssteigernd. Er kann Hemmungen und Ängste abbauen helfen und die Kontakt- und Kommunikationsbereitschaft fördern. (…)

Viele Leute trinken Alkohol.

Alkohol ist sehr beliebt.

Denn: Die Wirkung von Alkohol ist meistens angenehm.

Aber nur wenn man nicht zu viel trinkt.

Dann macht Alkohol gute Laune.

Und man hat weniger Angst.

Und man kann leichter andere Leute ansprechen.

Was können wir also ganz allgemein tun, um unsere Kommunikation zu verbessern:

Aus meinen Treffen mit den “Anonymen Kommunikations-Versagern” habe ich folgende Regeln mitgenommen:

  • Wenn es einfacheres, allgemein bekanntes Wort gibt, dann verwende dieses.
  • Vergiss die im Deutschunterricht aufgestellte Regel, dass Wortwiederholung böse ist. Wenn man in einem darauf folgenden Satz, auf dasselbe Konzept Bezug nimmt, dann verwende auch denselben Begriff.
  • Kurze Sätze. Beistriche, Bindestriche und Klammern sind immer nur die zweitbeste Lösung.
  • Erinnere Dich immer wieder daran, was eigentlich die Information ist, die Du transportieren möchtest?
  • Frage Dich kritisch: Trägt diese Information etwas Relevantes bei oder ist das nur etwas, das “ich auch noch sagen wollte”

Peter Falk ist leider schon 2011 gestorben. Er hätte sicherlich die Kommunikationsweise von Columbo klar von dem Ziel von effizienter Kommunikation abgrenzen können. Ich kann nur uns allen raten, dass wir uns mit Genuss die eine oder andere Folge von Columbo gönnen sollten – und uns dann aber mehr von den Prinzipien einer einfachen Sprache leiten lassen. Unser Gegenüber wird es uns danken. Und dann sogar zuhören und das eine oder andere verstehen.

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