Welche Disziplin wird beim heutigen Damen-Slalom ausgetragen?

In Österreich ist beim Radio-Sender Ö3 der sogenannte „Ö3-Callboy“ Tom Wallek als Auflockerung zwischendurch gut bekannt. Das Format ist sehr einfach: Er spricht auf der Straße Menschen an und stellt ihnen einfache Fragen. In den meisten Fällen verbirgt sich die richtige Antwort sogar schon 1:1 in der Frage. Der Clou ist, dass dies sehr plötzlich passiert und den Leuten klar ist, dass diese Sequenz im Radio gesendet werden könnte. Diese Kombination aus Überraschungsmoment und Aufregung führt zu scheinbar unglaublich dämlichen Antworten und man zweifelt an der Intelligenz der Bevölkerung. 

Beispiele für Fragen sind “Welche Disziplin wird heute abend beim Damen-Slalom ausgetragen?” mit der Zusatzfrage “Und fahren beim Damen-Slalom die Herren oder die Damen?” Ich behaupte, jeder von uns könnte in dieser speziellen Druck-Situation in die Falle tappen. Bei der Frage von einem Freund “ob bei der kommenden Europa-Meisterschaft eher Brasilien oder Spanien zu favorisieren sei”, habe ich auch fussball-fachmännisch auf Brasilien getippt. (Wer den letzten Satz zu schnell gelesen hat: Die meisten von uns würden auch ohne Geographie-Studium wissen, dass Brasilien nicht in Europa liegt…)

Was mich an diesem Format zum Denken brachte, ist aber weder die scheinbare Verdummung der Durchschnitts-Bevölkerung, sondern eher das Faktum, dass wir zumeist nur sehr halbherzig zuhören. Eine Frage, eine Aussage, alles, was von einem Menschen an uns gerichtet ist, sollte doch in unserem Denkzentrum eine höhere Priorität zugeordnet werden, als die Überlegung, was wir darauf sagen werden. Das ist sie aber zumeist nicht. Wir beschäftigen uns zeitgleich mit Formulierungs-Banalitäten oder überlegen, wie unsere Antwort noch überzeugender gestaltet werden könnte – und verwenden vielleicht gerade mal 20% unserer Gehirnkapazität dem Lauschen und Verstehen des Gegenübers. 

Wer kennt nicht das beklommene Gefühl, wenn man den Namen des Gegenübers ca. 10 Sekunden nach der Vorstellung, schon wieder vergessen hat? Wer hat nicht schon in einem Streitgespräch aktiv teilgenommen, wo man ehrlicherweise nur seinen eigenen Standpunkt immer und immer wieder rausposaunt hat. Hat man dem anderen zugehört? Hat man nachgefragt, ob die akustische Übertragung und die semantische Interpretation funktioniert hat? 

Steven Covey hat in seinen “7 Wege zur Effektivität” als 5.Weg die Empfehlung “Erst verstehen und dann verstanden werden” ausgegeben. Und er leitet die Beschreibung mit dem Beispiel von einem Augenarzt ein, an den sich ein Patient mit Sehproblemen wendet. Der Augenarzt – offensichtlich ein sehr engagierter und menschenfreundlicher Mediziner – verzichtet auf eine Untersuchung und sagt zu dem Patienten:” Wissen Sie was? Ich habe meine Brille schon sehr lange und sie hat mir gute Dienste geleistet. Ich schenke Sie ihnen, weil Sie diese vermutlich notwendiger brauchen.” Undankbarerweise reagiert der Patient etwas verwundert und besteht darauf untersucht zu werden. Der Augenarzt ist daraufhin sehr gekränkt und schickt den undankbaren Patient nach Hause. 

Zurück bleiben zwei frustrierte Menschen. Der Augenarzt, der ja eigentlich nur das Beste wollte und ein Patient, der sich so gar nicht verstanden fühlt. Schuld ist – schlechte Kommunikation.

Einen spannenden Ansatz, um das Zuhören und Verstehen zu trainieren, habe ich bei einem Kurz-Aufenthalt in Harvard erfahren dürfen. Im Gegensatz zu dem bei uns leider immer noch weit verbreiteten Frontal-Unterricht, werden auf der dortigen Universität Problemstellungen aus der Geschäftswelt diskutiert, der Professor moderiert und lenkt das Gespräch (“Case Study Teaching”). Die Herausforderung ist eine relativ große Anzahl von Studenten lösungsorientiert über ein Problem nachdenken zu lassen, ohne dass die Diskussion komplett aus dem Ruder läuft oder von einzelnen über alle Maßen dominiert wird. Hierfür wurde ein Prinzip eingeführt, dass einen roten Faden in der Diskussion sicherstellt und außerdem auch gegenseitigen Respekt demonstriert: 

                Jede Wortmeldung MUSS auf die voran gegangene Bezug nehmen. 

Auf das achten die Professoren penibelst und unterbrechen jede Wortmeldung, die keinen klaren Zusammenhang zum vorher Gesagten aufwiesen.

Autsch! Für mich bedeutete das eine völlige Umorientierung von meinem üblichen Diskussionsverhalten. Man konnte nicht in Ruhe sein Standpunkt-Manifest vorbereiten und wenn man dann dran kam, dieses wie einen Wasserfall auf die versammelte Truppe runterprasseln lassen. Ich musste jeder Wortmeldung bis zum Ende zuhören, denn diese war dann der Brückenkopf zu meinem Beitrag. Das war echte Gehirn-Arbeit. Aber es war faszinierend zu beobachten, dass die Diskussion tatsächlich einen kollaborativeren und kohärenteren (“roter Faden”) Verlauf hatte. Man tauschte Meinungen aus, man baute aufeinander auf, man erzielte ein Ergebnis durch ein “Internet of brains”. 

Wie langweilig wäre das Ö3-Callboy-Format, wenn die Menschen auf die Frage “Durch welches Land führt das kleine deutsche Eck?” kurz innehalten würden und dann nachfragen würden: “Hab ich Sie richtig verstanden, das kleine deutsche Eck? Vermutlich meinen Sie Deutschland? Richtig?” 

Richtig, Sie haben gut zugehört. Aber verdammt, das können wir nicht senden. Wer soll sich dann über die Dummheit des Landes amüsieren?!

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