Eigentlich bin ich kein großer Märchen-Fan. Ich war es weder als Kind, noch lese ich sie besonders gerne heute als Vater meinem Junior vor. Es gab aber ein Märchen, dass mich immer fasziniert hat. Und zwar ist das “Des Kaisers neue Kleider” von Hans Christian Andersen.
Es geht dabei um einen Kaiser, der sich neue Kleider nähen lassen möchte. Zwei Betrüger nützen die Eitelkeit des Kaisers aus, in dem sie ihm vorgeblich besonders exquisite Kleider anfertigen. Tatsächlich gibt es diese Kleider nicht, der Kaiser ist also faktisch nackt. Das Subtile an dieser List ist, dass sie dem Kaiser erzählen, dass diese Kleider nur von Menschen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm sind. Aus Unsicherheit gibt sowohl der Kaiser als auch seine Untertanen vor, die Kleider zu sehen und zeigt sich sogar ganz begeistert. Das geht solange gut, bis ein Kind bei einem Festumzug das offensichtliche ausspricht (“Der Kaiser ist ja nackt!”). Die Blamage ist perfekt!
Meiner Meinung nach sollte dieses Märchen fixer Bestandteil jeder Schul- und universitären Ausbildung sein und am besten auch mindestens einmal jährlich bei Firmenveranstaltungen erzählt werden. Es entlarvt uns alle und kann hoffentlich dazu führen, dass wir uns öfter auf die Perspektive des Kindes besinnen und das Offensichtliche schonungslos aussprechen.
Ich möchte hier mit gutem Beispiel vorangehen und oute mich als Kaiser bzw. Untertan z.B. in folgender Situation:
Ich sitze in einem Meeting und es wird dabei immer wieder von “Spark” gesprochen. “Mit Spark lässt sich das Problem xy super lösen”, “ich habe gehört, dass die neue Version von Spark y.z nun noch performanter laufen soll”, “Was meinst Du dazu?”
Ich, ganz Kaiser/Untertan (und gerade noch mit dem impliziten Gedanken “Wer Spark nicht kennt, der ist seines Amtes nicht würdig oder dumm” beschäftigt) sage:
“Ja, ich glaube auch, dass das die Zukunft ist.”
Anmerkung: Natürlich kenne ich Apache Spark mittlerweile. Ich habe ja auch direkt nach dem Gespräch danach gegoogelt!!
Spannend fand ich, dass das Märchen “Des Kaisers neue Kleider” in einem weitaus ernsteren Zusammenhang genannt wurde. In “Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge”1 werden die Geschehnisse um den vielleicht größten Bilanz-Skandal der deutschen Geschichte detailliert aufgeschlüsselt. Es wird noch zu klären sein, wer von den handelnden Personen in die Rolle des Betrügers, des Kaisers bzw. der Untertanen geschlüpft ist. Aber es ist heute schon klar, dass es viele gab, die wussten oder zumindest vermuteten, dass Wirecard seit Jahren schon nackter als nackt war. Und es gab “Kinder”, die laut aufschrien und das zum Ausdruck brachten, was eigentlich für alle offensichtlich war. Die Kinder, das waren im Fall Wirecard insbesondere die Financial Times, aber auch diverse institutionelle Anleger und Privatpersonen. Aber die große Masse ließ sich einschüchtern – man wollte ja als Wirtschaftsprüfer, Analyst oder Finanzregulator nicht seines Amts unwürdig oder dumm sein…
Die Wirecard ist nur eines von vielen Beispielen für ein System von kollektiven Versagen von Menschenverstand und Unrechtsempfinden. Die Zutaten sind zumeist sehr ähnlich:
Man nehme eine Gruppe von Profiteuren. Man füge inhaltsleeres Geschwafel hinzu, das – oberflächlich gesehen – ganz vernünftig klingt. Sollte es Außenstehende geben, die die Suppe durch die offensichtliche Wahrheit versalzen wollen, dann sollte man die Masse bis zur Unkenntlichkeit verquirlen, bzw. den Gegendruck erhöhen. Das Ganze dann über einen gefühlt endlosen Zeitrahmen auf niedriger Flamme köcheln lassen. Vor dem eigentlichen Verzehr dann rechtzeitig mit einem Privat-Jet das Weite suchen.
Was können wir von dem Märchen und den zahllosen Anwendungen im täglichen Leben lernen? (Die wenigsten von uns streben eine Karriere als Betrüger an, deswegen beziehe ich mich in weiterer Folge auf die anderen Akteure dieses Dramas)
Die einfachste Empfehlung ist, in möglichst vielen Situationen Kind zu bleiben, die Augen weit aufzumachen und Fragen zu stellen. Kann es sein, dass wir deswegen manchmal für dumm und “unseres Amtes nicht würdig” gehalten werden? Vermutlich. Kann es sein, dass wir uns in manchen Situationen wundern und Fragen stellen, in denen tatsächlich alles nach bester Ordnung verläuft. Ganz sicher!
Aber wenn es uns nur hin und wieder gelingt, dem gesunden Menschenverstand zum Sieg zu verhelfen. Wenn wir allgemein dazu beitragen, dass wieder mehr Menschen nicht alles gedankenlos zu akzeptieren. Dann haben wir uns unseres Amtes würdig erwiesen und die Menschen als dumm entlarvt, die uns für dumm verkaufen wollten.
Fussnoten
1 Haseborg, Volker ter, and Melanie Bergermann. Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge – Das Buch zur ARD-Dokumentation und Serie auf Sky. FinanzBuch Verlag, 2020.