Betrachten wir folgendes Interview nach einem wichtigen Fussball-Match:
Reporter: “Herr Torhüter, wie zufrieden sind Sie mit dem heutigen Spiel?”
Torhüter: “Ich bin sehr zufrieden, das war heute eine tolle Leistung von mir!”
Reporter (etwas irritiert): “Ok, aber Ihre Mannschaft hat heute mit 5:0 verloren!”
Torhüter: “Ja, das habe ich auch mitbekommen. Aber ich habe 90% der Bälle abgewehrt, das ist die beste Quote, die ich in diesem Jahr bei einem Match gehabt habe!”
Vermutlich könnte sich dieser Fussballer nach dem Interview einen neuen Verein suchen oder er man würde ihm ein Seminar über echten Teamgeist und Mannschaftsdenken nahelegen.
Interessanterweise agieren wir in Organisationen manchmal nach dem gleichen, silo-artigen Schema. Es geht darum, die Key Performance Indicators (KPI) unserer Abteilung oder sogar unsere individuellen Zielvereinbarungen zu erreichen. Das Gesamtergebnis des Projekts, der Firma bzw. die Auswirkungen auf die Gesellschaft werden zwar immer wieder in feierlichen Ansprachen von der Unternehmungsleitung beschworen, spielen aber bei persönlichen Leistungsbeurteilungen kaum eine Rolle.
Sind Fußballer die besseren Menschen weil Sie an das Team denken? Oder woher kommt überhaupt diese eingeschränkte Sichtweise?
Viele heutige Strukturen gehen auf einen sehr intelligenten Ingenieur und Wissenschaftlicher zurück, der am Beginn des 20.Jahrhunderts (1856 – 1915) gelebt hat. Frederic Winslow Taylor verdanken wir insbesondere zwei Errungenschaften:
- Für wiederholende Tätigkeiten macht es Sinn, sich genau zu überlegen, wie diese am effizientesten durchgeführt werden können (“one best way”)
- Spezialisierung durch Arbeitsteilung
Heute spricht man dabei auch von der Verwissenschaftlichung von Arbeitsabläufen (“Scientific Management”), von dem auch später Henry Ford mit der Einführung von Fließbändern und seinem für die Massen erschwinglichen Modell Ford T, profitierte.
Es liegt auf der Hand, dass die Produktion durch diese Prinzipien effizienter funktionierte, als wenn jeder Fabrikarbeiter alle Tätigkeiten beherrschen musste bzw. sich bei jedem neuen Auto von neuem überlegen würde, in welcher Reihenfolge, mit welchem Werkzeug, er den Motor einbauen würde.
Und dies brachte noch weitere Vorteile:
Nicht jeder Arbeiter musste überhaupt verstehen, was er machte und warum. Ein kluger Kopf konnte sich in Ruhe überlegen, wie der gesamte Ablauf auszusehen hat bzw. wie die einzelnen Tätigkeiten am effizientesten durchgeführt werden konnten (“Planung”).
Weniger kluge Köpfe mit großen Muskeln konnten dann die Tätigkeiten ausführen (“Durchführung”). Und weil bekanntermaßen (man beachte den subtilen Sarkasmus!) die weniger klugen Köpfe zu Schlendrian neigen, baute man in die Tätigkeiten noch Messpunkte ein: Montierte Autoreifen pro Stunde, festgezogene Schrauben pro Minute, erfasste Kreditanträge pro Tag. Fertig ist ein System von einfach zu kontrollierenden Individualisten.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
Unser ganzes System ist auf Individualismus getrimmt. Schon in der Schule werden die selbstlosen Einsager und mit-Kollegen-Schummler nicht wohlwollend gelobt. Es zählt die individuelle Leistung und auf dem Zeugnis steht immer nur ein Name.
Auch im Beruf machen eher die Lauten, die Auffälligen Karriere. “Ich habe diese Initiative gestartet, ich habe diesen Erfolg erzielt!” “Ja, aber Dein Team geht grade den Bach runter!” “Ups, das ist mir gar nicht aufgefallen. Da war ich grade mit dem Feiern meiner Erfolge beschäftigt!”
Warum funktionieren also die alten Konzepte von Mr. Taylor heute nur mehr in sehr eingeschränktem Maße? Die Antwort liegt in dem Übergang von primär komplizierten zu komplexen Strukturen:
Ein Auto zu planen und zu bauen ist ein komplizierter Vorgang. Es besteht aus vielen Einzelteilen, aber es ist ein in sich geschlossenes System. Denn Mr. Ford war mit seinem Model T keinen massiven Marktschwankungen unterworfen. Die Kunden bekamen genau das, was die Planer sich zuvor überlegt hatten. “Jeder Kunde kann ein Auto in jeder gewünschten Farbe haben, so lange es schwarz ist.”
Heutige Märkte basieren auf komplexen Strukturen. Es kommt immer anders als man denkt. Wir leben in offenen, quasi unvorhersagbaren Systemen. Man muss ständig mit allem rechnen. Planung ist damit nicht hinfällig, aber sie kann immer nur für den Moment und mit eingeschränktem Wissensstand stattfinden.
Daraus ergibt sich die Problematik von Konzepten von gestern für die Welt von heute.
Frederic Winslow Taylor wird heutzutage oftmals sehr negativ gesehen. Man lastet ihm die Ausbeutung von Fabrikarbeitern an, er wird mitunter als eiskalter Zahlenmensch dargestellt.
Aus meiner Sicht passiert das zu unrecht. Er ist den Herausforderungen seiner Zeit mit einem validen Ansatz begegnet. Er konnte nicht vorausahnen, wie digitalisierte Märkte funktionieren werden. Es liegt an uns, die Herausforderungen unserer Zeit mit validen Konzepten zu begegnen.
Einstein hat dazu schon gesagt, dass die “Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten”. Wir schlagen quasi mit einem Hammer auf eine Schraube und hoffen, dass sie sich nun endlich in die Wand dreht.
Was wäre also zu tun?
Arbeitsteilung und Spezialisierung haben weiterhin ihre Berechtigung. Wir können nicht alles wissen, und es ist in dem Großteil der Fälle auch nicht effizient, die gesamte Wertschöpfungskette selber abzudecken. Nicht als Individuum und auch nicht als Organisation.
Aber Arbeitsteilung und Spezialisierung brauchen zwei wesentliche Erweiterungen:
- Eine gutes Basis-Verständnis über den gesamten Prozess
- Eine echte, institutionalisierte Kollaboration aller Beteiligten
Das klingt wieder sehr nach dem Verständnis von Mannschaftssportarten. Auch in einer Fussballmannschaft gibt es unterschiedliche Rollen und Positionen (“Arbeitsteilung und Spezialisierung”), jeder Spieler in der Mannschaft muss aber eine Basis von fußballerischen Fähigkeiten für jede Position haben (“Basis-Verständnis”) und Erfolg wird man nur mit gutem Zusammenspiel und Unterstützung (“Kollaboration”) haben.
In der IT heißt das magische Wort hierfür “DevOps” bzw. mehr und mehr auch “DevSecOps”. Die Prinzipien sind dieselben. Alle Rollen sind wichtig, alles greift ineinander. Und das Gesamtziel ist eine Software, die das leistet, was die Anwender wollen.
Haben Sie Personen in ihrem Team, die meinen, dass sie so nicht arbeiten können? Oder die denken, dass ihre Arbeit ja doch wichtiger ist als alles andere? Dann organisieren sie mal ein Fußballspiel und lassen sie diese Helden der Arbeit gegen ein eingeschweißtes Team antreten. Selbst Maradonna hat bei seinem magischen Tor gegen England 1990 “nur” 6 Spieler überdribbeln können. Dass ein Einzelspieler gegen eine ganze Mannschaft gewonnen hat, ist historisch nicht überliefert.