Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Es ist ein üblicher Wunsch bei jeglicher Art von Beziehungen, dass – zumindest über einen längeren Zeitraum gesehen – Ausgeglichenheit besteht. Die wenigsten von uns sind so mathematisch angelegt, dass wir das irgendwo in Zahlen ausdrücken würden. Aber unsere Denkweise geht in diese Richtung: 

Ich habe einem Freund mehrmals bei irgendwelchen handwerklichen Sachen geholfen, jetzt erwarte ich mir auch, dass er mir bei der nächsten Gelegenheit hilft. Ich arbeite hart und habe der Firma damit zu Umsatz verholfen, deswegen hoffe ich auch, am Ende des Monats pünktlich mein Gehalt zu bekommen. Quit pro quo, eine Hand wäscht die andere. Darauf basiert im wesentlichen unser soziales System.

Und das über die gesamte Menschheitsgeschichte. Wie bei Noah Yuval Harari in seinem ausgezeichneten Buch “Eine kurze Geschichte der Menschheit” beschreibt, ist sogar der Aufstieg des Homo sapiens ursächlich mit diesem Kollaborations-Willen verbunden. Es ist auch eine Qualität unseres Gehirns, dass wir nicht immer nur kurzfristig denken, d.h. trotzdem kollaborieren, auch wenn nicht unmittelbar eine Belohnung bevorsteht. Es reicht die mögliche Aussicht auf Kompensation. Und damit gewinnen wir alle – zumindest meistens.

Eine Herausforderung ist aber in der heutigen Zeit, dass Strukturen dynamischer werden. Das bezieht sich auf menschliche Beziehungen (z.B. Ehen werden heute zu 40% geschieden, in 1950 waren es 17,7% – Quelle: Statistik Austria), genauso wie der Verbleib in einem Job und auch die geringere Loyalität als Kunde gegenüber Produkten, Dienstleistern, etc. 

Auch die gesellschaftlichen Modelle geraten ins Wanken. Was der Staat – und damit verbunden die Gesellschaft – über einen Lebenszeitraum in einen Bürger investiert, ist sehr ungleich verteilt. Bis zum erwerbsfähigen Alter ist jeder Bürger per se ein Minus-Investment. Es müssen ärztliche Leistungen finanziert werden, um den jungen Bürger zu einem Nettozahler zu erziehen und auszubilden. Nach hoffentlich vielen Beitragsjahren in den kollektiven Steuertopf, in die Sozialversicherung & Co, beginnen dann aber die Wehwehchen, die eine Heerschar von Ärzten, Therapeuten und sonstigem Gesundheitspersonal beschäftigen. Es bleibt aus Sicht des Finanzministers zu hoffen, dass der Bürger nicht bösartigerweise seinen/ihren zugewiesenen Platz im Pflegeheim zu lange belegt, sondern mit einem ausgeglichenen Life-time-value-Budget einen gepflegten Abtritt hinlegt. Die Diskussion und Kassandra-Rufe, dass das Pensionssystem in ernsthafte Schieflage geraten ist, können durch Adaptionen möglicherweise noch beschwichtigt werden. Wie sollen aber die Nationalstaaten mit inkonsistenten Bürgern umgehen, die in Land A geboren werden, in Land B die Ausbildung machen, dann in Land C ihre Karriere beginnen, in Land D bis T fortführen und dann in Land Z ihren Lebensabend verbringen?

Diese „Inkonsistenz“ fürchten auch findige Produkt-Manager, die auf sogenannte “Razor-and-blade” – Strategien setzen, d.h. ein Produkt mit geringer oder sogar negativer Margin in den Markt zu treiben und dann mit einem damit fix verbundenen Produkt die Kassen klingeln lassen wollen. Bekannt ist das von den Rasierer & Rasierklingen, Drucker & -patronen bzw. haben Banken ebenso jahrzehntelange darauf vertraut, Kunden über ein Giro-Konto einzufangen und dann über höherwertige Produkte wie Kredite, Wertpapier die Kundenbindung zu monetarisieren. 

Das alles funktioniert nur über längerfristige Bindung. Man bewertet also eine Beziehung nicht nur über die aktuelle Transaktion, sondern über einen längeren Zeitraum. Und damit sind wir aus meiner Sicht bei der Krux dieser Diskussion angelangt:

Lässt sich in der heutigen Zeit noch eine Bindung erzeugen und wenn ja, wie?

Zu einer Bindung gehören immer zwei Seiten. Diese zwei Seiten können unterschiedliche Rollen haben und in den meisten Situationen auch unterschiedliche Interessenlagen. Für beide Seiten gibt es aber eine Nutzenbilanz, d.h. etwas zu gewinnen und zu verlieren. Und das Ziel ist in der Regel für beide immer (Masochismus bzw. Helfer-Syndrom mal beiseite) mittelfristig etwas zu gewinnen.

Angesichts der allgemeinen Beschleunigung und Kurzlebigkeit stellt sich daher die große Frage: Müssen wir die oben genannten Modelle alle über Bord werfen und uns neue soziale Strukturen überlegen. Und wenn ja, welche könnten das sein?

  • Man könnte komplett auf Bindungen verzichten: Im privaten Bereich wären das die ewigen Singles, die in einer a la carte – Mentalität durchs Leben ziehen. In der Wirtschaft wäre das die “Gig Economy”, also ein Heer von Ein-Mann/Frau-Unternehmen, die ihre Dienste anbieten. 
  • Man kann Bindungen sehr selektiv und immer mit einer Exit-Strategie im Hinterkopf eingehen. Ja, wir heiraten, aber bitte unterschreib vorher den Ehevertrag. Ja, ich kaufe deine Lösung, aber ich halte den “Vendor Lock-in” so gering wie nur irgendwie möglich.
  • Man kann den Betrachtungszeitraum verkürzen. Im privaten Bereich ist der Trend zu “Lebenabschnittspartnern” ein Beispiel für diese Strategie. Im geschäftlichen Bereich lässt sich das durch Subscriptions/Service – Modelle realisieren (“Everything as a Service”), wo man nicht am Beginn einer Geschäftsbeziehung das große Investment tätigt, sondern sich die Kosten über den ganzen Verlauf verteilen.
  • Man kann den Kosten/Nutzen-Verlauf der beiden Partnern stärker synchronisieren bzw. transparenter machen: Ein Beispiel für Transparenz sind Pensionskontos, die Ansprüche ansammeln, die dann zu späteren Zeiten verbraucht werden. Synchronisation kann im geschäftlichen Sinn ebenfalls durch die oben genannten Subscriptions-Modelle erreicht werden. 

All das sind valide Ansätze und vieles davon trifft man in der einen oder anderen Form bei privaten bzw. geschäftlichen Beziehungen wieder. Und es macht sicherlich Sinn, sich intensiver mit Beziehungen auseinanderzusetzen.

Mein persönlicher Ansatz dazu ist:

Die Grundbasis und Voraussetzung für all diese Überlegungen ist zunächst einmal ein Mindestmass an Empathie, um anzuerkennen, dass purer Egoismus weder Sympathie-Punkte gibt, noch dauerhaft zum Ziel führt. Des weiteren ist – zumindest ist das meine persönliche Meinung – ein Zustand ohne Bindungen weder im privaten, noch im beruflichen Alltag wünschenswert. Nicht zuletzt aufgrund vieler leidvoller Erfahrungen mit skrupellosen Verkäufern ist der Begriff “Vendor Lock-in”, d.h. einem bestimmten Anbieter hilflos ausgeliefert zu sein, zu einem Schreckensgespenst aufgestiegen. Klar, ich möchte Entscheidungen frei treffen können und mir nicht von einem anderen die Konditionen diktieren lassen. Aber schon Tucholsky hat das treffende Zitat “Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein” geprägt. Auf unseren Kontext angewendet bestätigt das: “Ohne Bindung gehts einfach nicht!” Auch – und besonders – in unserer heutigen schnell-lebigen Zeit nicht. Weil es einerseits romantisch und schön ist, Bindungen einzugehen und zu unterhalten – und auf der anderen Seite effizient und effektiv. Aber eben nicht blauäugig, sondern mit Fallnetz und mit kürzeren Zeiträumen. 

Die Betriebswirtschaftslehre hat für diese Differenzierung eine schöne Formel erfunden:

  • Binde Dich, wenn die Kosten für eine zukünftige Transaktion mit einem anderen Partner HÖHER als die Effizienzverluste mit dem bestehenden Partner sind
  • Binde Dich nicht, wenn die Kosten für eine zukünftige Transaktion mit einem anderen Partner NIEDRIGER als die Effizienzverluste mit dem bestehenden Partner sind

Das klingt weder romantisch noch praktisch anwendbar. Die Grundüberlegung ist aber eigentlich ganz banal. Um das plakativ darzustellen: 

  • Überlege Dir, wieviel netter und/oder besser die Beziehung mit einem anderen Partner wäre (X-Wert)
  • Überlege Dir, wieviel Aufwand es bedeutet, einen neuen Partner zu finden und in einen Beziehungsstatus zu kommen (Y-Wert) 

Wenn X > Y, dann tschüss. Wenn Y > X, dann pflege die Beziehung und bringe immer wieder mal Blumen – nicht nur zum Valentinstag.

An dem Punkt werden sich viele Ehefrauen/-männer, Personal-Manager und Kunden ertappt fühlen. Keine Sorge, Gedanken sind frei! Es ist menschlich und normal, auch egoistisch zu denken. Es ist sogar notwendig, um als Individuum nicht auf der Strecke zu bleiben. Auch unsere Vorfahren haben so gedacht und gehandelt. Es macht vielleicht nur Sinn, sich bei manchen Entscheidungen auf diese Grundprinzipien zu besinnen – und damit Entscheidungen bewusster zu treffen. Und sich nicht zu wundern, wenn das Gegenüber ebenso handelt.

Ein Kommentar zu “Drum prüfe, wer sich ewig bindet

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