Wer kennt das nicht? Eine Runde von intelligenten Menschen trifft sich, um ein Problem zu diskutieren und eine für alle gangbare Lösung zu finden. Die Diskussion driftet ab, wird emotional. Manche ziehen sich komplett zurück, geben nur trotzige Statements ab oder überlegen schon insgeheim, wie sie den möglichen Kompromiss torpedieren können.
Was ist passiert? Vordergründig geht es um die Sache, um Fakten. Aber jeder Mensch bringt seine Persönlichkeit, seinen Gemütszustand mit in die Diskussion ein. Immer! Man braucht kein Kommunikationsexperte zu sein und Paul Watzlawick vorwärts und rückwärts gelesen haben, um zu realisieren, dass es uns NIE ausschließlich um die Sache geht. Und dass wir in einer Diskussion IMMER unsere “Hidden agenda” haben und diese auch bewusst oder unbewusst kommunizieren.
Eine illustrative Metapher für den Zusammenhang zwischen der Sachebene und den verborgenen Ebenen darunter ist der “Elefant im Raum”. Das bezieht sich auf einen offensichtlich großen Aspekt, der für alle sichtbar ist (deswegen Elefant), aber um den herum diskutiert wird und weswegen eine sachliche, ganzheitliche Diskussion unmöglich gemacht wird. Typische Beispiele sind persönliche Verwerfungen zwischen Abteilungen, ein strukturelles Problem oder einfach persönliche Befindlichkeiten wie Neid, Gier oder Macht.
Wenn in einer Diskussion offensichtlich gar nix mehr geht, dann greifen Manager mit einem Faible für Hobby-Psychologie oftmals zu einem neuen Stilmittel: „Was ist eigentlich der Elefant im Raum?” wird in die Runde gefragt. Gemeint ist damit: „Was steht eigentlich zwischen uns, das eine rationale Diskussion verhindert?“
Also quasi: Deklariert Euch! Legt Euer Innerstes offen! Der Ansatz ist gut und geht in die richtige Richtung. Leider handelt es sich zumeist nicht um EINEN Elefanten, sondern um einen ganzen Zoo von großen und kleinen Tierchen, die die Runde zusammen getragen hat.
Herr Andreas strebt möglicherweise einen Karriereschritt an, den die Lösung des Problems gefährden könnte. Frau Birgit hat sich vorige Woche massiv über Herrn Christian geärgert, weil dieser sie in einer anderen Besprechung vor allen Leuten bloß gestellt hat. Herr David ist gerade in der letzten Runde der Bewerbungsphase für einen Job beim Mitbewerb. Frau Evelyn möchte eigentlich eine andere Initiative vorantreiben, für die sich aber keiner erwärmen konnte. Und Herr Fritz hat heute in der Früh mit seiner Frau gestritten und findet die ganze Diskussion einfach nur zum Kotzen.
Runde frei zum fröhlichen Konsens-Finden!
Wie können wir also damit umgehen?
Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist, sich diese Komplexität immer wieder bewusst zu machen und anzuerkennen. Ob in der Rolle als Vater, als Ehemann, als Manager, als Politiker, ich werde weder die individuellen Dynamiken meines Gegenübers noch die sozialen Dynamiken einer Gruppe in ihrer Ganzheit verstehen.
In der Wissenschaft spricht man von komplexen Systemen, die im Gegensatz zu komplizierten Systemen, offen sind, sich daher ständig weiterentwickeln und daher schwer bis unmöglich vorhersagbar sind. Damit haben wir Menschen ein Problem!
Ein Automotor ist durch das Zusammenspiel von verschiedenen Komponenten ein System – aber eben nur ein kompliziertes. Und das Merkmal eines komplizierten Systems ist, dass man dieses durch entsprechende Einarbeitung in seiner Gesamtheit verstehen kann. Das gibt uns ein gutes Gefühl, von Macht und – Kontrolle. Dieses Gefühl vermissen wir schmerzlichst bei sozialen Systemen, der oft beschworene Kontrollverlust setzt ein.
Eine andere Empfehlung ist, den verborgenen Tierchen zumindest die Chance auf etwas Tageslicht zu geben. Wichtig dabei ist, dass dies als Angebot und nicht als Verpflichtung wahrgenommen werden sollte. Herr Fritz will vermutlich nicht im Detail über den Streit mit seiner Frau vor der versammelten Mannschaft berichten, aber vielleicht würde die Information, dass er “private Probleme” hat, ihm selber und auch den anderen in der Wahrnehmung seines Verhaltens helfen.
Alternative Organisationsformen wie z.B. Soziokratie haben dies als fixen Bestandteil in einem Meeting integriert. “Jedes Treffen beginnt mit einer Einstiegsrunde/einem Check-In mit persönlichen Befindlichkeiten.” Das gestaltet sich derart, dass jeder bei einer Besprechung einen kurzen Kommentar zu seinem aktuellen Stimmungsbild abgeben kann. Es wird also dem Zoo Tageslicht geboten.
Führt dies zwangsläufig zu effizienten Meetings und konstruktiven Diskussionen? Nicht zwangsläufig, aber es schärft die Perspektive und ist es wert auszuprobieren. Wie bei vielen alternativen Ansätzen führt es oftmals am Anfang zu Unbehagen bzw. zu Belustigung. Aber kann irgend jemand von uns ernsthaft behaupten, dass er/sie bei Diskussionen nicht-sachliche Aspekte komplett ausblenden kann? Warum sollten es also die anderen können?