Die Vanillekipferl-Strategie

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir nicht nur in der Gegenwart leben, sondern uns auch Gedanken über die Vergangenheit und insbesondere über die Zukunft machen. Das tun wir alle! Von Person zu Person gibt es aber große Unterschiede, wie viel Einfluss diese Gedanken auf unser Leben haben. Und wir kennen natürlich die kulturellen Zuschreibungen, dass z.B. der „typische Südeuropäer“ mehr im Hier und Jetzt lebt, während der „typische Deutsche“ schon konkrete Vorstellungen von seiner Zukunft hat und schon im Hier und Jetzt für diese Zukunft vorsorgt.

Soweit so bekannt. Was sorgt aber für ein besseres Leben?

Einerseits suggerieren wissenschaftliche Studien wie das Marshmallow-Experiment eine klare Empfehlung für zukunftsorientiertes Handeln. Wer immer alles sofort will, den bestraft das Leben – oder zumindest die Versuchsanordnung. Das sind die Gierigen, die immer alles sofort wollen. Nicht gerade die Sympathieträger unserer Gesellschaft, die wir unseren Kindern als Vorbilder empfehlen. 

Auf der anderen Seite propagieren z.B. buddhistische Grundsätze den Fokus auf den Moment und sehen das Zurückblicken und Nach-Vorne-schauen als Wurzel von Rastlosigkeit und Unglück. Auch Franz von Assisi hat uns nahe gelegt, dass wir uns nicht ständig um die Zukunft Sorgen machen sollten, denn auch die “Vögel säen und ernten nicht und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch”. 

Wie so oft geht es vermutlich um eine Balance der beiden Extreme. Auch die Zukunft sollte ihren Platz in unserer Gegenwart haben. Dieser sollte jedoch klar begrenzt sein und außerdem nicht unseren Möglichkeitsraum für morgen und übermorgen begrenzen. Das Stichwort hierfür ist Planung, die gewissenhaft durchgeführt wird und uns eine gewisse Sicherheit gibt, allerdings nicht den Anspruch auf Endgültigkeit stellt und nicht zuviel Raum in der Gegenwart einnimmt.

Dieselben Prinzipien gelten auch für Unternehmen und Gesellschaften. Hier spricht man dann in der Regel von einer Strategie, die in einer klassischen Organisation von einer zentralen Stelle definiert wird. Es ist kein Zufall, dass viele der Begrifflichkeiten rund um Planung, Organisation und Entscheidungen einen militärischen Ursprung haben. So kommt auch der Begriff “Strategie” von dem griechischen Wort “Strategos” (dt. Heerführer). Und ebenso wie Unternehmen waren Armeen früher zentral gesteuert. Das setzte klare und stabile Umgebungen voraus, Überraschungen gab es allenfalls von Kontrahentenseite. Konsistente Ausrichtung und Ausführung waren daher dann wichtiger als rasche Reaktion auf geänderte Rahmenbedingungen. 

Doch dann kam VUCA. Es geht dabei dynamische (Volatility), nicht vorhersagbare (Uncertainty) und nicht eindeutig interpretierbare (Complexity, Ambiguity) Umgebungen. Aus Freunden werden Feinde, ein Virus wirft plötzlich alles Dagewesene über den Haufen, aus der Gesellschaft entstehen Strömungen, die keine Simulation jemals am Plan hätte (z.B. “Friday 4 Future”).

VUCA hält sich nicht an die sorgsam ausgearbeitete Budgetplanung; VUCA lächelt höhnisch über Business Cases; VUCA bringt alle Experten unseres Pensions-Systems zur Verzweiflung. VUCA sollte uns immer wieder daran erinnern, dass wir unsere Rolle als Individuum, als Bürger und Unternehmen demütig als Teil eines großen Ganzen wahrnehmen sollten.

Das bedeutet aber nicht, sich als hilflosen Spielball zu sehen, der vom Wind von West nach Ost gescheucht wird. Planen ist wichtig und hilft tatsächlich “den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen”. Das heißt, wir sollten unsere grobe Stoßrichtung für uns, unsere Gesellschaft und unser Unternehmen aktiv definieren und kommunizieren. Aber wir sollten entlang des Lebens von unseren Planungsfehlern lernen und bereit sein unsere Planung an geänderte Rahmenbedingungen anzupassen. 

Das erfordert einen sehr engmaschigen Zyklus von Planen, Tun, Beobachten und Anpassen (siehe auch Demingkreis/PCDA). Und damit kommen zentralistisch geführte Unternehmen schlecht klar. Es gilt also:

  • mehr und mehr Entscheidungen an die Peripherie zu verlagern
  • nicht den Fehler zu machen, ausschließlich aus Erfahrungen der Vergangenheit, die Zukunft zu gestalten. Ansonsten verhalten wir uns wie der Truthahn der zu Thanks-giving auch davon ausgeht, dass er wieder liebevoll gefüttert wird – weil das ja die letzten 1.000 Tage auch so war (vgl. “Der schwarze Schwan” von Nassim Nicholas Taleb)
  • in der Gegenwart nicht zuviel Zeit mit der Planung der Zukunft zu verbringen

Wir können also getrost schon heute unser Marshmallow oder Vanillekipferl – und vielleicht ein zweites oder drittes – geniessen. Morgen könnte es vielleicht schon ausgetrocknet sein und nicht mehr so gut schmecken. Oder es kommt morgen überraschend eine Lieferung von Mozartkugeln, und vielleicht wollen wir übermorgen sowieso nur noch Salziges essen. 

Aber auf der anderen Seite macht es schon Sinn, die Weihnachtskugeln für das nächste Weihnachtsfest gut einzupacken und sicher zu verstauen. Und es macht Sinn ein wenig Geld für Weihnachtsgeschenke anzusparen. Denn das nächste Weihnachtsfest wird kommen, VUCA hin oder her.

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