„Freiheit“ im digitalen Käfig

Wir betrachten uns grundsätzlich als freie Menschen. Das ist ein unglaubliches Privileg, sowohl historisch als auch regional gesehen. Es gab Sklaverei, es gab und gibt Diktaturen, es gab und gibt soziale und religiöse Strukturen, die die persönliche Freiheit massiv einschränkten. All das wurde – zumindest in unseren Breiten – zurück gedrängt. Wir können heiraten, wen wir wollen, wir können studieren, was wir wollen, wir können uns frei bewegen. Corona hat gezeigt, wie sensibel wir auf die Beschneidung dieser Freiheitsrechte reagieren. Begriffe wie “Ausgangssperre” und “Quarantäne” kannten wir bisher nur aus der Berichterstattung über Kriegsgebiete. Freiheit wird allgemein als hohes Gut gesehen und zurecht mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Aber kritisch hinterfragt: Sind wir wirklich frei? 

Können wir jederzeit unsere Meinung kundtun, ohne Angst vor sozialer Ächtung zu haben? Finden wir im Internet wirklich alles, was es dort zu finden gibt? Steht uns auch realistischerweise der Zugang zu allen Ausbildungen und Jobs offen? 

Die Grenzen unserer Freiheit sind unsichtbarer, sozusagen softer geworden. Und die ausübenden Instanzen von Grenzen haben sich verlagert – von staatlichen Institutionen zu markt-dominanten Konzernen. Von einstmaligen Autoritätspersonen wie Lehrern, Richtern und Eltern, zu einem gesellschaftlichen Druck (“Peer-pressure”). Fühlen wir uns deswegen im Durchschnitt freier als in früheren Zeitepochen oder in anderen Kulturen? Das ist nicht pauschal zu bejahen.

Ein tolles Buch zu dem Thema stammt von Laurence Lessig (“Code 2.0”)1, einem Professor der Rechtswissenschaften, der sich insbesondere mit Regularien und Normen im Cyberspace beschäftigt hat. Er definiert vier Kategorien von Einflüssen, die auf unser individuelles bzw. kollektives Verhalten einwirken:

  • Gesetze
  • Normen
  • Marktstrukturen
  • Architektur

Für Gesetze gibt es eine klare Struktur, wie diese zustande kommen (“Top-down”). Normen bilden sich aus einem informellen, dynamischen Prozess und können von Gesellschaft zu Gesellschaft stark variieren. Beide Kategorien gibt es schon sehr lange und waren maßgeblich dafür verantwortlich, das gesellschaftliche Leben zu organisieren und gewaltfreier zu machen (vgl. “Better angels of our nature” von Steven Pinker)2. Das Positive an diesen Kategorien ist, dass entweder einem transparenten Prozess unterliegen (“Gesetze”) bzw. dass man sich dagegen auflehnen kann (“Normen”). Beides unterliegt außerdem – in einer freien Gesellschaft – einer breiten Meinungsbildung, das heißt viele Menschen sind bei der Ausgestaltung und Umsetzung beteiligt.

Problematischer in dieser Beziehung und daher noch relevanter für die ursprüngliche Diskussion zu dem Thema Freiheit, sind die Kategorien Marktstrukturen und Architektur. Darunter versteht man weiche, relativ unscheinbare (“Marktstrukturen”) bzw. harte Gegebenheiten (“Architektur”), die uns permanent umgeben und unseren Möglichkeitsraum einschränken. Für unsere Diskussion ist eine genaue Unterscheidung dieser beiden Kategorien nicht relevant, jedoch das Entscheidende an beiden ist:

  • Es ist (zumindest für die meisten) Betroffenen nicht klar, von wem diese Beschränkung initiiert wurde.
  • In manchen Fällen bekommen wir gar nicht mit, dass diese Beschränkung existiert. Wir nehmen diese Beschränkung quasi als Naturgesetz wahr.

Wir agieren sozusagen wie Truman Burbank in dem Film “The Truman Show” als Darsteller in einer Show, die von einem Produzenten initiiert und gelenkt wird. Wir glauben frei zu sein, ohne es zu wissen und ohne zu ahnen, dass wir in einem kleinen Sub-Universum leben, das für uns von einer unbekannten Institution ausgewählt wurde. 

Was bedeutet das umgelegt auf den Cyber-Space?

Computer-Code schafft im Cyber-Space die Architektur der Realität. Es ist wie ein Gebäude in dem wir uns bewegen, das aufgrund der Anordnung der Räume und Treppen (= Architektur) bestimmte Wege ermöglicht oder eben nicht. Wenn in das obere Stockwerk keine Treppen führen, dann existiert dieses Stockwerk in unserer Wahrnehmung einfach nicht.

Wenn ich aufgrund einer “codierten” System-Architektur, auf eine Web-Seite nicht zugreifen kann, dann werde ich gar nicht wissen, dass diese Seite überhaupt existiert. Wenn ich in Google nach einem bestimmten historischen Ereignis suche und darüber keine Informationen finde, dann könnte ich zu dem Schluss kommen, dass dieses Ereignis nie stattgefunden hat. Wenn ich in Facebook eher die Posts und Kommentare angezeigt bekomme, die meinem aktuellen Weltbild entsprechen, könnte sich bei mir der Eindruck verfestigen, dass ohnehin die ganze Welt so denkt (Stichwort: “Echoraum”).

Doch wer trifft diese Festlegungen für mich, bei wem könnte ich mich beschweren (wenn ich überhaupt mitbekomme, dass diese Festlegungen getroffen wurde)? Das ist im Cyber-Space schwer nachvollziehbar und daher tatsächlich ein Problem!

Was bedeutet das für uns als Individuum und als Organisation? 

Wir sollten ständig die Grenzen unseres Sub-Universums hinterfragen und wie Truman in dem Film “Truman Show” Unregelmäßigkeiten auf den Zahn fühlen. Warum werden wir gelenkt und beschränkt? Wer könnte daran ein Interesse haben? Gibt es sinnvolle Alternativen, die unseren Möglichkeitsraum nicht unnötig beschränken?

Keine Frage: Der Mensch würde auch an einem Zuviel an Freiheit zugrunde gehen. Es würde uns schlicht überfordern. Wir brauchen gewisse Strukturen, wir brauchen Beschränkungen. Der Schlüssel ist, dass wir diese Beschränkungen bewusst auswählen sollten und diese nicht auferlegt bekommen – im schlimmsten Falle ohne es zu merken. Wenn wir als Kandidaten bei “Big Brother” oder im “Dschungelcamp” mitmachen wollen, dann ist das unsere freie Entscheidung. Aber Truman wurde nicht gecastet, er ist kein Profiteur, sondern ein unfreiwilliger, unbezahlter Statist. Auf das haben wohl die wenigstens von uns Lust!

Fussnoten

1 Lessig, Lawrence. Code: And Other Laws of Cyberspace, Version 2.0. Revised. New York: Basic Books, 2006.

2 Pinker, Steven. The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined. Reprint Edition. New York Toronto London: Penguin Books, 2012.

Hinterlasse einen Kommentar