Wir Menschen sind sehr spezielle Kreaturen. Wir werden geboren und haben vom ersten Tag an einen scheinbar unauflöslichen Konflikt in unserem Inneren eingepflanzt: Einerseits haben wir einen unauslöschlichen eigenen Willen, Andererseits brauchen wir Struktur, Unterstützung, Führung.
An dieser Divergenz ändert sich auch im späteren Leben wenig. Weder als Jugendliche und Erwachsene wollen wir in ein vorgegebenes Schema gepresst werden und sind auf der anderen Seite mit zu viel Wahlmöglichkeiten und Freiheiten überfordert.
Ich durfte diese Widersprüchlichkeit bei meinem ersten Tanzkurs als Teenager erfahren:
Es wurde uns von Anfang an von den Tanzlehrern klargemacht, dass beim Tanzen der Mann für die Führung verantwortlich ist. Meine damals fixe Tanzpartnerin – eine zwar gleichaltrige, aber um 10cm größere junge Dame – versuchte trotzdem ständig die Führung an sich zu reißen. Und jedes Mal, wenn ich nachgab und ich mich innerlich auf die geschlechtliche Gleichberechtigung berief, motzte sie mich an: “Du führst nicht richtig!”
Damals kam ich nach einer post-Walzer stattfindenden Reflexion zu dem Ergebnis, dass Frauen einfach nicht wissen, was sie wollen. Mittlerweile kann ich aber nach eingehender Prüfung bestätigen, dass auch Männer weitgehend dem eingangs erwähnten Paradoxon unterliegen.
Da ich psychologisch und soziologisch bestenfalls Halb-Wissen verfüge, kann ich an dieser Stelle die Gründe für diese Widrigkeiten nicht weiter analysieren. Ebenso wenig möchte ich in philosophisch oder gar religiöse Reflexionen verfallen. Nehmen wir also dieses Faktum als gegeben hin und wenden wir uns eher der Frage zu, wie mit diesem Spannungsverhältnis von Wunsch nach Freiheit bzw. nach Führung umgegangen werden kann:
Extreme Strukturen wie z.B. Diktaturen scheinen (glücklicherweise) zu versagen – zumindestens auf langfristige Sicht. Sie funktionieren in einer Gesellschaft, einer Firma oder innerhalb einer Familie möglicherweise eine bestimmte Zeit, aber der kollektive menschliche Wille lässt sich nicht dauerhaft abtöten.
Auf der anderen Seite ist das andere Extrem von völliger Freiheit und radikaler Offenheit ebenso kein stabiler Dauerzustand. Möglicherweise kann dies für eine temporäre Phase sehr befreiend und luststiftend sein. Auf Dauer braucht der Mensch aber gewisse Strukturen – primär um seine Wahrnehmung der Welt zu vereinfachen. Und er möchte seinen Platz in diesen Strukturen verankert wissen.
Das oben genannte Spannungsverhältnis wird dadurch aufgelöst, dass Menschen innerhalb dieser vorgegeben Strukturen das Gefühl bewahren, einen gewissen Einfluss auf diese Strukturen ausüben zu können:
Ich kann also alle staatlichen Instanzen und die Gesellschaft komplett ablehnen und mich aber sehr wohl auf die Strukturen einer alternativen Kommune einlassen. Oder ich kann ein geregeltes Arbeits- und Familienverhältnis haben und dann aber zu bestimmten Anlässen “über die Stränge schlagen”. Diese selbst gewählten Modi haben (gottseidank) in einer westlichen, aufgeklärten Gesellschaft ihren Platz. Es gibt wenig, was gar nicht geht. Die Hauptmechanismen für Reglementierung sind weicher Natur, wie z.B. Missfallen der Nachbarn oder der Ehepartnerin.
Wenn es also darum geht, bestimmte Handlungen beim Gegenüber auslösen zu wollen bzw. zu unterbinden, befinden wir uns heute in einem sehr weitflächigen Kontinuum zwischen den Extrempositionen Laissez-faire und Befehl. Eltern kennen das gegenüber ihren Kindern, Managern gegenüber ihren Mitarbeitern und Politiker gegenüber der Bevölkerung.
Das erzeugt Kontrollverlust, Verunsicherung allerorts.
Ein Konzept hat in diesem Kontext für viel Furore gesorgt, weil es scheinbar den goldenen Mittelweg verspricht. Es handelt sich dabei um “Nudging” das von Thaler/Sunstein im Buch “Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstösst” beschrieben ist.
Am Titelbild sieht man einen großen Elefanten, der liebevoll einen Babyelefanten vorantreibt. Und das gibt das Konzept auch gut wider: Der große Elephant (“Entscheidungsanstosser”) hat nur Gutes im Schilde. Er gibt nur grob die Richtung vor und lässt den kleinen Elefanten (“Entscheidungsdurchführer”) selber gehen und entscheiden.
Noch schöner – und für jede abgehobene Party-Diskussion ein absolutes Muss – ist der Begriff “paternalistischer Liberalismus”. Der liebevolle Vater (“Pater”) schubst den Sprößling in die für ihn/sie richtige Richtung. Und das Geniale: Das ganze passiert fast unbemerkt. Der Sprößling glaubt die Entscheidung in einer komplett neutralen Welt frei treffen zu können (“liberal”).
Wie viele Modelle hat auch dieser “paternalistische Liberalismus” seine Stärken und Gefahren. Er anerkennt, dass Menschen ihren freien Willen haben. Und er schränkt im Idealfall die Freiheit auf mögliche Optionen ein, die auch mittel- und langfristig keine negativen Auswirkungen haben. Aber eben weil die führende Hand weitgehenst unsichtbar bleibt, besteht eine immanente Gefahr von Manipulation und Enttäuschung.
Ein klassisches Beispiel im positiven Sinn ist, Salzstreuer nicht auf den Esstisch zu stellen, sondern irgendwo in räumlicher Entfernung aufzustapeln. Menschen sollen weniger Salz essen und werden es auch im allgemeinen weniger verwenden, wenn der Salzstreuer nicht griffbereit ist. Am Ende des Tages überlässt man aber jedem Esser die Entscheidung, ob er Salz verwendet oder nicht. Es ist ja grundsätzlich verfügbar.
Beispiele im negativen Kontext kennen wir im Rahmen der Digitalisierung zur Genüge. Hat Google einen Einfluss auf unsere Entscheidungen? Definitiv. Was wir auf Google finden (oder eben nicht finden), verändert unsere Entscheidungsbasis massiv. Werden Wahlen durch Facebook beeinflusst? Auf jeden Fall! Wenn man bestimmte Meinungsäußerungen immer wieder liest (und manche nicht), dann schleicht sich das unbewusst auch in unsere eigene Weltsicht ein. Der große Elephant treibt uns kleine Elephanten also in eine bestimmte Richtung. Leider aber nicht in die für uns beste Richtung, sondern in die Richtung, wo uns zahlende Wahlkampfmanager sehen wollen.
Was können wir also davon mitnehmen?
Wir sind Menschen und werden uns – zumindest aus heutiger Sicht – immer den Luxus eines eigenen Willens leisten wollen. Das macht Spaß, das gibt uns ein Freiheitsgefühl. Auf der anderen Seite schafft es Sicherheit und Ruhe, sich nicht ständig an Grenzen und Beschränkungen (auf) zu reiben. Und als dritte Dimension sollten wir sehr achtsam gegenüber sichtbaren oder unsichtbaren Elephanten sein, die uns von links nach rechts “nudgen”.
Vielleicht trifft es ein Gelassenheitsgebet am besten, das ursprünglich von Reinhold Niebuhr veröffentlicht wurde:
“Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden”
Ich tanze immer noch gerne und habe mittlerweile die Gelassenheit, Kritik an meinem Führungsstil zu akzeptieren. Wenn ich es gar nicht aushalte, bringe ich auch während eines Walzers den Mut auf die Tanzpartnerin zu wechseln. Und mit großen Elephanten, die mich nudgen, tanze ich aus Prinzip nicht.