Alles ist schneller geworden. Mehrdimensionaler. Man könnte fast sagen, überfrachtet. Wir sind quasi always online, kommunizieren über verschiedenste Kanäle und verarbeiten mehr Informationen in kürzeren Zeitintervallen. Wenn man davon ausgeht, dass sich die Aufnahmefähigkeit des Menschens in den letzten Jahrzehnten nicht besonders verändert hat, dann lässt das nur einen Schluss zu: Wir widmen einer Informationsquelle im Durchschnitt weniger Zeit und weniger Aufmerksamkeit.
Das heißt, wir sind es gewohnt, breitflächig bespielt zu werden. Wir halten es schlecht aus, während der Werbepause eines Films, nicht auf andere Kanäle zu zappen. Wir tun uns schwer damit bei einer Web-Konferenz zwischendurch nicht unsere E-mails zu checken oder schnell auf Whatsapp die neuesten Katzen-Videos zu verteilen. Und wir finden selten die Ruhe, uns über einen längeren Zeitraum genau EINER Sache zu widmen und dabei unser Smart-Phone auf lautlos zu stellen.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Digitale Medien schaffen einfachere Zugänge, beschleunigen die Erzeugung und Verteilung von ständig neuen Ressourcen und spätestens mit der Mobilisierung der Endgeräte gibt es fast keinen Raum und keinen Zeitpunkt, wo wir nicht auf Empfang sind. Dauer-Beschallung wie in einem militärischen Gefangenenlager. Mit einem großen Unterschied: Die Tür aus dem Gefängnis steht offen, der Off-Schalter könnte jederzeit von uns gedrückt werden.
Und es würde sich lohnen.
Ein Psychologie-Professor mit dem schwer aussprechlichen Namen Mihaly Csikszentmihalyi hat ein Phänomen erforscht, das er primär bei Spielsüchtigen bzw. Künstlern erlebt hat. Es handelt sich dabei um die vollkommene Konzentration auf eine Tätigkeit, verbunden mit einem enormen Glücksgefühl. Er nannte diesen Zustand den “Flow”. Besonders gut lässt sich das bei Kindern beobachten, die sich intensiv einer Tätigkeit widmen: Sie hören nichts anderes, sind quasi in ihrer eigenen Welt – und offensichtlich glücklich in diesem Moment.
Wenn wir sehr intensiv nachdenken, fallen uns sicherlich auch Momente im Erwachsenen-Alter ein, wo wir buchstäblich die Zeit vergessen haben und wie in einem positiven Rausch-Zustand zu 100% auf eine Tätigkeit fokussiert waren. Aber das passiert leider selten. Zu selten!
Was ist also das Besondere an diesem Zustand und wie passt das zu dem oben beschriebenen Faktum der Dauer-Beschallung?
Ein Flow-Zustand bedeutet wie gesagt eine vollkommene Fokussierung auf den Moment und die aktuelle Tätigkeit, die Zeit und alles drum herum wird ausgeblendet. Die sonst übliche Ermüdung wird reduziert oder fällt komplett weg und es entsteht ein Glücksgefühl durch die Tätigkeit selber (siehe “intrinsische Motivation”). Es liegt in der Natur der Sache, dass auch die Ergebnisse aus der Tätigkeit in den meisten Fällen herausragend sind. Künstler erreichen in diesen Momenten die Spitzen ihrer schöpferischen Kreativität, Sportler rufen ihre gesamte Leistungskapazität ab, Mitarbeiter erledigen komplexe Arbeiten schneller und mit weniger Fehlern.
Spätestens da sollten Firmenchefs die Ohren spitzen. Wäre es nicht toll, wenn alle Mitarbeiter 38.5 Stunden in der Woche im Flow-Zustand arbeiten könnten? Wie sehr würde da die Innovationskraft eines Unternehmens profitieren? Also, alle Frauen/Männer auf die Plätze, in den Flow und los.
So einfach ist es allerdings nicht. Denn der Flow-Zustand benötigt einige Voraussetzungen:
- Die Tätigkeit muss fordernd aber nicht überfordernd sein. Weder monotone Tätigkeiten noch Stress lassen einen Flow-Zustand zu.
- Selbstwirksamkeit: Die Person im Flow-Zustand ist im Kontext des Flows ein Akteur und kein bloßer Konsument. Die Handlungen erzeugen ein beobachtbares Ergebnis.
- Zeit: Es gibt unterschiedliche Studienergebnisse bezüglich der erforderlichen Zeitdauer, um in einen Flow zu gelangen (z.B: DeMarco & Lister, 1999: 15 Minuten). Faktum ist, dass dies nicht von einer Sekunde zur nächsten gelingt.
Insbesondere die letzte Voraussetzung “Zeit” schafft in der heutigen Zeit die größte Hürde. Durch ständige Ablenkungen durch Dauerbeschallung gelingt es uns immer seltener in einen Flow-Zustand zu gelangen, selbst wenn alle anderen Voraussetzungen dafür erfüllt wären.
Den Firmen und insbesondere uns selber entgeht dadurch einiges. Wir sind weniger produktiv, wir sind weniger zufrieden. Wir haben uns mit allem und nichts beschäftigt und sind damit dem Burn-out einen weiteren Schritt näher. Glücklich derjenige, der mit Hobbies im privaten Umfeld seinen persönlichen Flow erlebt. Die Firmen haben davon aber wenig.
Die Lösung für das Problem liegt auf der Hand:
Wir müssen für uns die Zeit freispielen, um ohne Ablenkungen an einem fordernden Problem arbeiten zu können, das wir auch mit unseren eigenen Fähigkeiten und Gestaltungsspielräumen in endlicher Zeit lösen können. Und die Firmen und deren Führungskräfte sollten die Mitarbeiter dabei unterstützen und den Verführungen von Mikro-Management und Aktivismus konsequent widerstehen.
Die vermutlich größte Herausforderung dabei ist, dem digitalen Informations-Tsunami zu trotzen. Smart-Phone, Chats, Newsfeeds – all diese Technologien sind angetreten, um unser Leben zu bereichern. Tatsächlich empfinden wir sie aber oftmals als Ballast.
Es geht nicht darum, die technologischen Entwicklungen zurück zu drehen. Und es ist auch gar nicht notwendig. Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen, welche Auswirkungen all diese Technologien auf uns haben. Das nimmt uns niemand ab. Und es gibt soviel zu gewinnen.
Ich persönlich versuche zumindest einmal im Jahr eine “Online-Diätwoche” zu planen, wo ich das digitale Leben links liegen lasse. Es ist entschleunigend und bereichernd, schärft die Sinne und schafft Raum für Neues. Plötzlich kann eine lange Schlange an der Supermarktkasse ein echtes Geschenk sein und man freut sich darüber, wenn der Zug noch weitere 10 Minuten Verspätung hat.
Man kann also ohne Ablenkung in eine Gedankenwelt eintauchen, in der immer wieder irgendwo der Flow lauert, um uns auf Ideen zu bringen, die wir im Online-Rausch nie gehabt hätten.