Wir Elephanten im Porzellan-Laden

Das Thema Komplexität in sozialen Interaktionen, insbesondere in Gruppen, haben schon mehrmals in meinen Blogs eine zentrale Rolle gespielt. In diesem Blog möchte ich über die unterschiedlichen Ansätze reflektieren, wie man mit dieser Komplexität umgehen kann.

In jüngerer Vergangenheit haben mich zwei Erlebnisse zum Nachdenken gebracht, eines im privaten bzw. im beruflichen Umfeld:

  • Bei einer Geburtstagsparty von Freunden, waren auch andere Personen anwesend, die wir noch nicht kannten. Es ergab sich rasch ein unverfängliches Gespräch, wo man so die üblichen Einstiegsfragen stellte bzw. gestellt bekam: “Was machst Du beruflich?”, “Wo wohnt Ihr?” und dann auch “Habt Ihr Kinder?” Gerade die letzte Frage kommt sehr harmlos daher, bezieht sich aber bei vielen Menschen auf einen zutiefst persönlichen Aspekt, der persönliche Tragödien beinhalten kann. Paare, die seit Jahren verzweifelt versuchen, Kinder zu bekommen. Paare, die traumatische Erlebnisse wie Fehlgeburten verarbeiten müssen. Paare, die sich nicht bezüglich dem Ob oder dem Zeitpunkt Kinder zu bekommen nicht einigen konnten und dadurch wie ein Stachel in der Beziehung sitzt. Als ich so darüber nachdachte, fühlte ich mich tatsächlich wie ein “Elephant im Porzellanladen”, der eigentlich nur einen kleinen Schritt macht und damit Tonnen an Porzellan zerschlägt.

  • Im beruflichen Umfeld war es ein Kunden-Termin wie viele andere. Als Vertriebsmitarbeiter stellt man Fragen über den aktuellen Status bzw. die Wünsche des Kundens. Und man gibt dann so beiläufige Kommentare ab, die oftmals auf das Schema hinauslaufen: “Was sie derzeit haben, ist ja ganz bemüht, aber insgesamt ein Murks und komplett veraltet. Wenn Sie modern sein wollen, dann kaufen Sie unser Produkt XY.” 

    Klar, so wird man als Vertriebler trainiert: Probleme identifizieren, diese groß machen und dann mit der allheilsbringenden Lösung kommen. Aber wie kommt das bei dem Gegenüber an? 

    Stellen wir uns vor, ein stolzer Vater erzählt von seinem jüngsten Spross, den er über die Jahre groß gezogen hat und der alles in allem gut geraten ist. Und jetzt kommen wir als motivierter Berater daher und erklären ihm – nach drei allgemeinen Fragen und einer detaillierten Analyse von 2 ½ Minuten – dass aus seinem Sohnemann sowieso nix wird und er am besten bei der Erziehung von vorne beginnen sollte (siehe auch “Don’t call my baby ugly!”). 

    Da würde es helfen, schnell laufen zu können…

Beide Anekdoten gehen für mich in dieselbe Richtung. Wir begegnen in unserem Leben ständig neuen, komplexen Systemen, die wir weder historisch, noch in der Gesamtheit erfassen können. Aber wir agieren so, als könnten wir das. Wir sprechen Empfehlungen aus, wir stampfen mit vollem Gewicht in Bereiche, die voll von Tretminen sind, die schon bei der kleinsten Erschütterung hochgehen. Und das Beste: Wir wundern uns, dass sich unser Gegenüber so “komisch” verhält. 

In der freien Wildbahn gibt es zwei Extreme um mit dieser Komplexität umzugehen:

  • Wir können – wohl wissend um unsere Existenz als Elephant – dies einfach akzeptieren. “Wo gehobelt wird, da fallen Späne!” Wenn wir massenhaft Porzellan zerschlagen, dann ist das einfach so. Wenn sich niemand bei uns beschwert, dann wird es wohl auch nicht so schlimm gewesen sein. Sollte ein Porzellan-Teller besonders teuer sein, dann bezahlen wir ihn halt.
  • Wir können – wohl wissend um unsere Existenz als Elephant – in der Mitte des Raumes regungslos verharren. Keine Bewegung, kein Schaden. Wir schweigen und ziehen uns in uns selber zurück. 

Offensichtlich sind das Extrem-Positionen und in der Natur nicht so reinrassig vertreten. Ich glaube aber, dass jeder von uns Exemplare im Bekanntenkreis kennt, die einem dieser Extreme sehr nahekommen…

Der insgesamt verträglichste Ansatz ist wie so oft die goldene Mitte. Als Orientierung habe ich für diese goldene Mitte folgende Handlungsanweisungen für mich definiert:

  1. sensible Sprache: Ohne jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, lohnt es sich gewisse Aussagen zu hinterfragen. Im Vertrieb wurde immer die goldene Regel ausgegeben, sensible Themen wie Religion, Politik und Sexualität grundsätzlich auszusparen. Das ist sicherlich am Anfang einer Bekanntschaft – nicht nur in einer Geschäftsbeziehung – empfehlenswert. Darüber hinaus gibt es aber auch andere Themen, wo man ungebremst anecken kann – ohne es zu wollen. Darunter fallen z.B. Lebensplanung (u.a. Stichwort: Kinder, Ausbildung), persönliche Präferenzen, Fehltritte des Gegenübers. Diese Themen mit vertrauten Menschen zu besprechen, ist eine Wohltat. Aber eben nicht bei der ersten Begegnung und nicht ohne gegenseitige Zustimmung. 
  1. genaues Beobachten: Trotz aller Vorsicht werden wir nicht jedes Fettnäpfchen vermeiden können. Aber wir sollten unsere Sinne schärfen, ob wir möglicherweise genau in das Fettnäpfchen rein gestiegen sind und unser Gegenüber uns das über subtile Signale mitteilen möchte. Das ist ein kritischer Moment für die weiteren Verlauf der Beziehung. Entweder die Beziehung ist nachhaltig geschädigt oder wir realisieren das Fettnäpfchen und schließen die nachfolgende Handlungsanweisung an, nämlich…
  1. sich aufrichtig zu entschuldigen: Elephanten sind friedliche Tiere, sie können nichts für ihre Körpermasse. Mit treuen Augen – und einer authentischen innerlichen Haltung – sollten wir nicht zögern uns zu entschuldigen. Das zeugt von menschlicher Größe, egal ob Eltern gegenüber ihren Kindern, Freunde untereinander oder von Chef zu Mitarbeiter. 

Ob ich selber diese Handlungsanweisungen größtenteils einhalte, kann nur mein Umfeld beurteilen. Meine Hoffnung wäre es jedenfalls, dass das von einem Freund vor längerer Zeit definierte Größenmass “Geringster Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen = 1 Stephan Kraft” nur als Witz gedacht war.

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