Der geistige (Groß)-Vater von Netflix

Eines meiner Lieblinglieder ist “Großvater” von STS, einer der tiefgründigsten österreichischen Musik-Band. Der Text ist berührend und weise zugleich, insbesondere die Stelle:

“Dei Grundsatz wor: Z’erst überleg’n,

A Meinung hob’n, dahinter steh’n.

Niemols Gewolt, olles bered’n, ober a ka Ongst vor irgendwem”

(Auf Hochdeutsch:

„Dein Grundsatz war: Zuerst überlegen. Eine Meinung haben, dahinter stehen. Niemals Gewalt, alles bereden, aber auch keine Angst vor irgendwem!“)

Das Lied wurde 1985 veröffentlicht und hat mich damals als Kind schon begeistert. Diese Beschreibung kam dem Bild, was ich mir von einem “Erwachsenen” erwarten würde, sehr nahe. Gewaltfrei und trotzdem selbstbewusst. Klare Standpunkte zu haben und zu äußern, aber immer für Dialog und andere Meinungen offen zu sein. Und das jederzeit und gegenüber jedem, unabhängig von Rang oder Herkunft.

Diese Textzeilen kamen mir wieder in den Sinn, als ich das Buch über die Firmenkultur von Netflix gelesen habe (“No Rules rules – Netflix and the Culture of Reinvention”, Reed Hastings, Erin Meyer; 2020). Darin wird insbesondere der enorme Wert von Offenheit und Transparenz beschrieben und in sehr anschaulichen Beispielen verständlich gemacht. Eines der Prinzipien ist “Sage nur über andere, was du ihnen auch ins Gesicht sagen würdest”. Ein anderes besagt, dass man “Feedback, jedem, jederzeit und überall geben soll”.

Klar, kaum jemand würde grundsätzlich dagegen argumentieren. Aber wie wir alle wissen kann der Anspruch und die Wirklichkeit drastisch von einander abweichen. Ein besonders plakatives Beispiel hierfür ist eine Firma, die in ihrer Lobby in einer monumentalen Schrift deren wesentlichste Grundprinzipien kundtat: 

Integrity

Communication

Respect

Excellence

Der Name dieser Firma ist bzw. war Enron – insbesondere bekannt durch den vielleicht größten Bilanzfälschungs-Skandal in Amerika aller Zeiten.

Das sind extreme Auswüchse im großen Stil, aber die Intransparenz und das Schweigen beginnt im Kleinen. Wie oft am Tag behalten wir unsere Gedanken lieber für uns oder – noch schlimmer – erzählen wir nur anderen darüber, aber nicht die Person, die es tatsächlich betrifft?

Man kann vermutlich zu Recht ins Treffen führen, dass es in den meisten Unternehmen ein “career-limiting-move” wäre, wenn man dem Chef allzu offen ins Gesicht sagt, dass seine/ihre neue Idee überhaupt keinen Sinn macht. Da reihen wir uns schon lieber in die Gilde der “Über-Chef-Witze-Lacher” ein und lamentieren maximal bei lange vertrauten Kollegen über die Beschränktheit und Ignoranz unserer Vorgesetzten. 

Vermutlich würde auch im privaten Bereich manche Freundschaft oder Ehe in die Brüche gehen, wenn wir unser Herz auf der Zunge tragen würden. Sagt man nicht, der Gentleman genießt, beobachtet und schweigt?

Es ist natürlich schwierig, für alle Charaktere, Kulturen und Situationen, das optimale Maß an Offenheit und Transparenz zu finden. Denn Offenheit und Transparenz in guten Situationen ist leicht, aber die wahre Offenheit und Transparenz zeigt sich, wenn es unangenehm wird. Und daran scheitern viele, weil es diametral zu unserem Harmonie-Bedürfnis steht. Man könnte also sagen, es geht darum den Schnittpunkt zwischen dem maximalen Ertrag und des minimalen Schadens von Offenheit und Transparenz zu finden. Und dieser Schnittpunkt ist in jedem Kontext wo anders zu finden. 

Netflix liefert ein beeindruckendes Beispiel, wie eine offene Kultur gelingen kann. Vor allem zeigen die Beschreibungen in dem oben genannten Buch, dass dies eine Vielzahl von flankierenden Maßnahmen und permanenter Anstrengung erfordert. Beispiele für diese Maßnahmen sind:

  • externe Experten-Moderation für das Geben und Empfangen von Feedback
  • Institutionalisieren von Feedback in regelmässigen Meetings, Jahresgesprächen, udgl.
  • offen gelebte Fehler- und Lernkultur, ausgehend von der Führungsebene
  • kritische Diskussionen im Unternehmen nicht nur billigen, sondern sogar ermutigen

Das bedeutet ein hohes zeitliches und finanzielles Investment und erzeugt vermutlich auch Kollateralschäden. Aber ich bin überzeugt davon, dass es in heutigen Märkten den entscheidenden Unterschied ausmacht. Vielleicht war der von STS besungene Großvater einer der geistigen Vordenker für diese offene und transparente Kultur. Oder anders gesagt er war einfach ein “grader Michl”, dem sein Gewissen den Grundsatz “Z’erst überleg’n,

A Meinung hob’n, dahinter steh’n. Niemols Gewolt, olles bered’n, ober a ka Ongst vor irgendwem” vorgab.

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