Wenn Mitarbeiter wie Rinder und IT-Server wie Haustiere behandelt werden

Ein wesentlicher Paradigmen-Wechsel im IT-Betrieb von heute ist die “Pets vs Cattle” (dt. Haustiere vs  Rinderherde) -Analogie. Dies bezieht sich auf die Art und Weise, wie wir IT-Ressourcen sehen und – noch wichtiger – wie wir mit Veränderungen umgehen.

Die herkömmliche Herangehensweise sieht IT-Ressourcen als lieb gewordene Subjekte zu behandeln, die gehegt und gepflegt werden (“Pets”). Mit diesen haben wir ein enges Verhältnis, wir verhätscheln sie und bekämpfen Veränderungen mit aller uns zur Verfügung stehenden Macht (“Never change a running system”). 

Wenn etwas einmal funktioniert, dann einfach nicht mehr berühren und jeden Eindringling mit mehr oder weniger berechtigten Argumenten verscheuchen. Was zählt, ist das Ergebnis (“ein funktionierendes System”), über den Weg dorthin hüllt man sich lieber in Schweigen. Nur wir selber und einige sorgsam ausgewählte Mitwisser kennen den Weg. Immerhin wurde dieser Weg ja durch aufwendiges Basteln, nächtelanges Ausprobieren mit viel Schweiß und die eine oder andere Umgehung von Standard-Prozessen gefunden. 

Hey, wo ist das Problem? Das Ding läuft ja jetzt – und wenn es keiner mehr angreift, dann wird es vermutlich auch noch sehr lange so laufen. 

Demgegenüber steht die neue Welt, die Änderungen ausdrücklich begrüßt. Die IT-Ressource wird austauschbar (“Cattle”) und durch lückenlose Dokumentation und Automatisierung reproduzierbar. Prinzipien wie DevOps, Continuous Integration & Deployment fokussieren auf den Weg, das Ergebnis ist nur eine logische Konsequenz. 

Das Gute daran: Wenn der Weg reproduzierbar ist, wird auch das Ergebnis vorhersagbar. Und es hängt eben nicht an einigen wenigen Eingeweihten, sondern kann auf Knopfdruck zu jeder Zeit durchgeführt werden.

Damit wird Veränderung möglich! 

Doch kein Licht, ohne Schatten. Die persönliche Beziehung zu den IT-Systemen geht dadurch verloren. Aus “Server Charly” und “Application Fritzi” wird “Server 012192” und “Application Instance 012e23f3”. Wir haben unsere Haustiere durch austauschbare Rinder ersetzt. Und während wir vorher unsere Haustiere alle an ihren persönlichen Eigenheiten erkannt und geliebt haben, zählen wir heute gerade mal unsere Rinderherde durch und sind zufrieden wenn wir wieder auf die selbe Zahl kommen. Dass da zwischendurch dreiundzwanzig Rinder verstorben sind oder auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Internets verschwunden sind, juckt uns nicht. Zumindest dann, wenn irgendeine magische Macht, wieder genau dreiundzwanzig Rinder der Herde hinzugefügt hat. 

Willkommen in der Welt von Containern, Kubernetes und cloud-native. 

Container sind eine standardisierte Hülle für Rinder, Schweine, Schafe oder was auch immer. Kubernetes ist der moderne, emotionslose Rinderhirte und Cloud-native fügt dem ganzen Treiben noch den lokations-unabhängigen Touch zu. “Glaub nur nicht, lieber Container, dass Du Dich darauf verlassen kannst, dass Du morgen wieder im selben Bett aufwachst wie gestern. Und wunder Dich nicht, wenn ein eineiiger Zwilling von Dir, Deine Arbeit übernimmt.”

In der IT bewirkt das – richtig angewendet – eine Revolution in Bezug auf Skalierbarkeit, Ausfallssicherheit und optimale Ressourcen-Auslastung. Warum? Ein Container kann heute nur in Österreich laufen und morgen diesselbe Instanz in jedem Land der Welt (Skalierbarkeit). Wenn heute in Österreich der Strom ausfällt, dann übernimmt einfach eine andere Kopie in Frankreich die Last (Ausfallsicherheit). Und ein Container kann einfach dort laufen, wo gerade Platz ist und/oder wo der Betrieb gerade am kostengünstigsten ist (optimale Ressourcen-Auslastung). Klar, der Container muss sich an Regeln halten. Er darf nicht eifersüchtig sein, sondern muss still und leise akzeptieren, wenn er ersetzt wird. Gottseidank gibt es für Container keine Gewerkschaft und keine Ansprüche auf Selbstverwirklichung. 

Aber die gibt es für Menschen, für “Human Ressources”. Mitarbeiter lassen sich nicht so ohne weiteres von Standort A auf Standort B übertragen. Mitarbeiter können nicht bei höherer Arbeitslast einfach skaliert werden. Sie wollen gehegt und gepflegt werden, verursachen größtenteils fixe Kosten, die auch nicht kurzfristig adaptiert werden können.

Das klingt aus Firmenlenker-Sicht nach Bauchweh. Und löst oftmals den Wunsch aus, menschliche Ressourcen nach den gleichen Prinzipien aufzustellen und zu behandeln wie Container. Der Wunsch ist verständlich, aber er wird gottseidank ein frommer Wunsch bleiben. Es bleibt dabei, dass Menschen nicht wie IT-Ressourcen funktionieren und jeglicher Versuch von Gleichschaltung führt zu Frustration auf beiden Seiten.

Was lässt sich aus dieser Erkenntnis an Handlungsempfehlungen ableiten? IT-Manager, die ihre IT-Landschaft als liebevoll geführte Kommune betrachten, sollten sich darauf besinnen, dass bei Computern weiterhin kein Nachweis für den Existenz einer Seele bzw. eines Bewusstseins erbracht wurde. Und Personal-Manager, die ihre Belegschaft als Rinderherde mit menschlichen Antlitz betrachten, sei die Anschaffung einer oder mehrerer Haustiere empfohlen.

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