Wir bekommen ja schon früh mit, dass im Leben nicht alles so einfach geht. Es gibt die vielen kleinen Hindernisse, die dafür sorgen, dass wir nicht rund herum gesund, glücklich sind und unser Leben klar strukturiert und aufgeräumt ist. Um diesen Hindernissen ein Gesicht und einen Namen zu geben, zitieren wir gerne den “inneren Schweinehund”, der uns das Leben schwer macht.
Ich mache mit diesem tierischen Freund des öfteren Bekanntschaft: Besonders penetrant war der Kerl, als ich mein Ziel verfolgte, öfters mal kürzere Wege mit dem Rad statt mit dem Auto zu erledigen. Also schnell mal noch Brot vom Supermarkt holen, Freunde zu besuchen oder ein Paket zum Postamt bringen: All das kann man doch wunderbar mit dem Rad erledigen. Die Umwelt freut sich, mein Geist und Körper ebenso, das sollte doch genug Ansporn sein.
Aber diesem edlen Ansinnen stellt sich dieses oben genannte Tierchen in den Weg. Um das transparent zu machen: Mein Rad steht in unserem Gartenhaus. Zumeist verstellt das eine oder andere Gartengerät den Weg. Wenn es mir – zumeist mit leisen Flüchen – gelingt, das Rad aus dem Gartenhaus rauszubekommen, muss ich noch das Rad über den relativ engen Weg durch die Gartentüre zu bekommen. Sehr oft fallen dem Schweinehund dann noch weitere Gemeinheiten ein, z.B. ein Kompostkübel, der den Weg versperrt oder – ganz raffiniert – er arrangierte sich mit meiner Frau, die Gartentüre zu versperren, wodurch ich nochmals extra den Schlüssel aus dem Haus holen muss.
An diesem Punkt hinterfrage ich dann bereits intensivst, ob mein Vorsatz nicht auch noch einen Tag warten kann. Sollte ich einen guten Tag haben und meine Bedenken überwinden, steht noch die Herausforderung vor mir, die Reifen wieder mit ausreichend Luft zu versorgen. (Das ist fast immer notwendig, weil ich ja – siehe oben – das Rad schon längere Zeit nicht benutzt habe.)
Das Gefühl mit dem Fahrrad dann an mein Ziel zu radeln, ist nach dieser Tortur durchaus bewegend. In diesem Moment denke ich nämlich nicht daran, dass ich ja das Fahrrad nach meiner Ausfahrt auch wieder verstauen muss. Das Duell Schweinehund gegen Kraft würde dann bei der nächsten Ausfahrt wieder ein sehr enges werden.
Eine ähnliche Erfahrung kennen vermutlich viele beim Packen für einen Ausflug oder für einen Urlaub. Es bedarf eines mentalen und emotionalen Kraftakts, das Notwendige zu definieren, dies zu finden, zu verpacken und dann – tetris sei dank – im Auto unterzubringen. Klare Abläufe, Fehlanzeige. Nachvollziehbarkeit für zukünftige Pack-Vorgänge, schön wärs. Entspannter Urlaubsbeginn, auf später verschoben.
Ähnliche Herausforderungen sehen viele Organisationen beim Delivery / Deployment von Software. Einen Software-Stand von einer Umgebung in die nächste zu überführen? Kann nicht schwerer sein, als mein Fahrrad von der Gartenhütte zum Gehsteig zu bringen. Änderungen von verschiedensten Komponenten konsistent in die Produktion zu bringen? Sollte genauso einfach hinzubekommen sein, wie am Urlaubsort mit Pass, Badehose, Handy-Ladegerät & Co anzukommen.
Das Problem ist, dass wir diese Abläufe (zu) selten durchführen. Und wenn wir sie durchführen, dann agieren wir schon im Ad-hoc Modus, zumeist auch schon unter heftigen Zeitdruck. Es geht dann ausschließlich darum, es irgendwie hinzubekommen. Die Zeit, darüber nachzudenken, wie wir es effizienter, sicherer und einfach besser machen könnten, nehmen wir uns nicht.
Dieser bekannten Realität zum Trotz sagen die Autoren vom „DevOps-Handbuch“:
“Die Arbeitsweise zu verbessern ist wichtiger, als die Arbeit selber!”1
Ja, weil wir in der Regel Arbeitsabläufe mehr als einmal durchführen. Wenn wir 1h Nachdenken aufwenden, um einen regelmässigen Ablauf um 10 Minuten zu verbessern, haben wir ab der 7.Wiederholungen dieses Arbeitsablaufs die Nachdenkzeit bereits gut investiert.
Und genau das ist bei „Continuous Delivery“ von Software zu berücksichtigen. Es geht darum, diesen Ablauf kontinuierlich zu verbessern, eine Routine bei den involvierten Mitarbeitern zu etablieren und damit das unangenehme Bauchgefühl zu beseitigen.
Ratgeber in diese Richtung gibt es zuhauf. Das schwierige ist, dies auch konsequent im eigenen Leben bzw. in der Organisation umzusetzen. “Continuous Improvement”, “Total Quality Management” sind Konzepte, die dies im Detail beschreiben. Tatsächlich kann man aber das grundlegende Konzept auf zwei Fragen runterzubrechen:
- Gibt es in meinem Leben / in unserer Organisation Arbeitsabläufe, die regelmäßig durchgeführt werden?
- Wenn ja, wie kann ich diese Arbeitsabläufe verbessern?
Für dieses Nachdenken braucht es einerseits die praktische Erfahrung, die man während dieser Abläufe sammelt und Zeit zum Nachdenken, die man sich davor oder danach (aber nicht während) dieser Abläufe aktiv nehmen muss. Stephen Covey hat das schon 1989 in seinen “7 habits of highly effective people”2 als “Säge schärfen” beschrieben. Während dem Sägen kann die Säge nicht geschärft werden, das geht eben nur davor oder danach.
Ich habe mittlerweile mein Rad so platziert, dass ich in 20 Sekunden startklar bin. Ich habe mir ein You-Toube Video angeschaut, wie man die Reifen richtig aufpumpt. Und ich hab mir Check-listen geschrieben, was ich für verschiedenste Arten von Urlaub unbedingt packen muss. Das hat insgesamt weniger als eine Stunde gedauert. Mein Leben ist seitdem – zumindest bei diesen Arbeitsabläufen – deutlich einfacher geworden. Für meinen Schweinehund bleibt aber immer noch genug Betätigungsfeld übrig.
Fussnoten
1 Kim et al., Das DevOps-Handbuch.
2 Covey, Stephen R. The 7 Habits of Highly Effective People: 30th Anniversary Edition. 1st ed. London New York Sydney Toronto New Delhi: Simon + Schuster UK, 2020.