Warum wir Warum fragen sollten

Dieser Blog behandelt ein Thema, das so offensichtlich und einleuchtend ist, dass ich lange überlegt habe, ob es wert ist, darüber zu schreiben. Aber verblüffenderweise vergessen wir im Alltag so oft darauf, dass ich mir gerne die Zeit dafür nehme. Insbesondere aus rein egoistischen Gründen, um mich selber wieder daran zu erinnern 🙂

Was ich meine ist: Die Bedeutung der Frage “Warum?”

Wir streben im Leben verschiedenste Dinge an und müssen auf diesem Weg viele Entscheidungen treffen. Viele davon aus freien Stücken, bei manchen gibt es Einflüsterer – entweder aus unserem Freundeskreis oder von Menschen, die dafür bezahlt werden, uns zu beeinflussen. Daran ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches und Unmoralisches.

Für alle der oben genannten Personengruppen wäre es aber ein Muss, die Frage aller Frage zu stellen: “Warum möchtest Du XY tun?” bzw. “Warum möchtest Du YZ erreichen?”

  • Für uns als Betroffene ist dies die entscheidende Frage, um den Entscheidungskontext richtig zu setzen
  • Für die unbezahlten Einflüsterer (=unsere Freunde) wäre es die wichtige Erinnerung, dass es nicht um deren, sondern um unser Leben geht
  • Für die bezahlten Einflüsterer (=Verkäufer, Marketing) würde es helfen, eine kunden-orientierte Beratung sicherzustellen

Die Realität schaut oftmals anders aus. “Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen” (Richard David Precht). Da hilft es wirklich nur, einen Schritt zurück zu gehen und sich zu fragen “Warum? Was wird danach besser sein?”

Besonders weit verbreitet scheint diese “Feature-itis” in der IT bzw. Technik zu sein. Wir lieben Produkt-Merkmale und Fähigkeiten (“Features”), es scheint das Ur-Bedürfnis eines Machers zu befriedigen. Es gibt etwas, das es vorher noch nicht gab. Und man kann damit zweifelsfrei beweisen, dass man seine Arbeit getan hat. Aber es adressiert nicht das “Warum”, es begibt sich nicht in die Tiefen des “User-Universums”, sondern erstrahlt irgendwo im Niemandsland. 

Das führt dann zu Produkten, die feature-mässig hoffnungslos überladen sind und – wenn sie sich überhaupt mit Kundenwünschen auseinander setzen – das nur mit einem Maschinen-Gewehr-Feuer an ständig neuen Funktionalitäten adressieren.

Besonders dreiste Repräsentanten der bezahlten Einflüsterer-Gilde umgehen die “Warum”-Frage besonders elegant. “Jaja, Dir als individuellen Kunden mag ja das Warum dieses Features nicht klar sein. Aber die Massen an Kunden finden das toll. Wenn Du da nicht mitziehst, dann bleibst Du einsam und hoffnungslos zurück!” Das sitzt natürlich. Erstens weil man als individueller Kunde ja schlecht alle anderen Kunden, um deren Meinung fragen kann. Und zweitens, weil es die Ur-Angst von Menschen anspricht, alleine zurück zu bleiben.

Die Aussage in diesem Blog ist also sehr trivial: 

Es geht nicht darum, sich gegen Neuigkeiten zu sperren. Das wäre genauso falsch, wie jede Neuigkeit unreflektiert zu bejubeln. Es geht einfach nur darum, die Frage “Warum” ganz an den Anfang der Diskussion zu stellen. 

Du willst Dir einen Porsche als zweites Auto anschaffen! Ja, das ist ein tolles Auto. Aber warum glaubst Du, dass das Dein Leben lebenswerter macht?

Sie haben schon viele Bücher über “Agilität” gelesen? Ja, das Paradigma hat schon einigen Firmen geholfen. Aber warum interessiert sie das? Welche Probleme glauben sie damit lösen zu können?

Sie interessieren sich für Container und Kubernetes? Ja, tolle Technologie. Aber warum tun Sie das? Was glauben Sie wird dadurch besser?

Oftmals braucht es für ein ausreichendes Verständnis eine mehrmalige Wiederholung der “Warum”-Frage. Im Lean-Management wird für die Problem-Analyse sogar die fünf-malige Nachfrage mit Warum propagiert. Je nach Situation und Kundenbeziehung kann das nerven und vielleicht sogar als provokant wahrgenommen werden. Aber die Ergebnisse aus dem Gespräch werden zielgerichteter sein. Als Kunde werde ich dann hoffentlich die richtigen Schlüsse ziehen und die Dinge kaufen, die sie tatsächlich wollen.

Warum? Fragen Sie einfach.

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