Wie würde Fussball-Experte Herbert Prohaska die Unternehmenszahlen voraussagen?

Es ist ein lieb gewordenes Ritual, das alle österreichischen Fussball-Fans kennen: Vor einem Spiel fragt der Moderator die im Studio befindlichen Fussball-Experten (zumeist Herbert Prohaska), nach ihrem Tipp für den Ausgang des Fussball-Match. Ebenso ist es Teil des Rituals, das beide in 90% der Fällen daneben liegen. Darüber wird dann gewitzelt. Wie soll man auch von einem Fussball-Experten erwarten, dass er das Ergebnis eines Fussball-Spiels richtig voraussagen kann?

Wir stellen uns ein ähnliches Szenario auf einer Aktionärs-Hauptversammlung oder bei einem Projekt-Planungs-Meeting vor.

Aktionärs-Hauptversammlung: “Frau/Herr Vorstandsvorsitzender, welche Umsatzsteigerung werden Sie nächstes Jahr vorweisen können?”

Projekt-Planungs-Meeting: “Frau/Herr Projekt-Manager, wann wird das Projekt abgeschlossen sein und was wird es kosten?”

Gelöste Stimmung, Lachen. Antwort: “Hahaha, die Frage war gut! Glauben Sie allen Ernstes, dass ich darauf eine seriöse Antwort geben kann? Wenn Sie darauf bestehen, kann ich gerne einen Tipp abgeben, der mir gerade vorhin am Klo eingefallen ist. Und ich kann Ihnen zu 100% versprechen, dass wir uns anstrengen, dass wir alles geben werden. Aber wie soll ich etwas voraussagen, versprechen, garantieren, wo derartig viele Umstände das Endergebnis beeinflussen, die nicht unter meiner Kontrolle sind!”

Entsetzen bei den Zuhörern. “Was soll das heißen? Sie sind für das Unternehmen/Projekt verantwortlich. Und nun sagen Sie, dass sie das Ergebnis nicht kontrollieren können?”

Vorstandsvorsitzender / Projekt-Manager: ”Ja, genau das will ich damit sagen. Würden Sie von einem Fussball-Trainer erwarten, dass er ihnen vor dem Spiel sagt, dass das Match 3:2 ausgehen wird? Er wird Ihnen sagen, dass er viel Zeit in die Taktik investiert hat, das seine Mannschaft 6 Mal in der Woche hart trainiert. Er wird darüber sprechen, dass alle 100% motiviert sind und er ein gutes Gefühl hat, dass seine Mannschaft einen effektiveren Fussball spielt als die Gegner. Und er kann seine Hoffnung ausdrücken, dass der Schiedsrichter keine krassen Fehlentscheidungen zu Gunsten der gegnerischen Mannschaft treffen wird. Aber das Ergebnis voraussagen? 3:2, 2:1 oder 2:0? Das ist doch eine Farce!”

Über was sprechen wir hier? Warum “erlauben” wir in manchen Situationen eine komplette Unschärfe und erwarten in anderen Situationen eine vermeintliche Kontrolle, die aber vollkommen an der Realität vorbeigeht?

Ich bin kein Experte der menschlichen Kulturgeschichte und kann mich daher in den weiteren Ausführungen nur auf Beobachtungen und Vermutungen beziehen: Es scheint eine Tendenz zu sein, dass wir uns in der Wirtschaft mit Kontrollverlusten besonders schwer tun. Fussball mag zwar für viele die “wichtigste Nebensache der Welt” zu sein. Für den Großteil bleibt es aber eine “Nebensache”, während es im Wirtschafts-Kontext um unser Überleben geht. Daher akzeptieren wir bei Fussball-Ergebnissen das Faktum Zufall und Komplexität. In der Wirtschaft erwarten wir aber Planbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrolle.

Es wäre zu kurz gegriffen, alleine die Eigentümer und das Management von Firmen für diese illusorischen Kontroll-Wünsche verantwortlich zu machen. Klar, Aktionäre wollen ihre sicheren Renditen, die Finanz-Planung basiert auf fixen Ressourcen-Zuteilungen und Verkaufsleiter müssen auf die Kommastelle genau darlegen, wieviel an Umsätzen erzielt werden wird. Aber auch als einfacher Mitarbeiter ist man mitten drinnen in diesem Spiel: Wir wollen auch nicht, dass von unserem Unternehmen unsere Gehaltsentwicklung “getippt” wird und süffisant mit den Achseln gezuckt wird, wenn uns im nächsten Monat nur die Hälfte des Gehalts ausgezahlt wird. Unser Leben erfordert Planungssicherheit, wir haben fixe Ausgaben und diese müssen Monat für Monat gedeckt werden.

Wir stecken also in einem fiktiven Spiel fest, in dem alle Mitspieler Versprechungen machen oder erwarten, die auf der falschen Annahme beruhen, dass das Gesamt-System kontrollierbar ist. Das klingt ernüchternd! Ist es auch. Und doch von der Auswirkung nicht ganz so dramatisch.

Warum funktioniert das System trotzdem?

  • Es gibt Intermediäre, die Schwankungen ausgleichen können bzw. Faktoren, die sich gegenseitig neutralisieren:

Banken hatten immer schon als deren Haupt-Geschäftsmodell, Risiko aus dem System zu nehmen (und damit gut zu verdienen). Im Falle von Unternehmensgewinnen bzw. Projekt-Planungen sind dies externe Faktoren, deren Auswirkungen sich gegenseitig neutralisieren. Der Vorstandsvorsitzende sagt also z.B. “Wir rechneten mit 100.000 EUR Gewinn und haben nun auch 100.000 EUR erreicht”. Was er nicht sagt, ist, dass unerwarteterweise ein neuer Kunde gewonnen wurde (+ 200.000 EUR) und gleichzeitig ein Produktionsfehler aufgetreten ist ( – 200.000 EUR). Unter dem Strich sind alle zufrieden. Der Vorstandsvorsitzende hat sein Wort gehalten, er hat sein Geschäft im Griff.

  • Es werden immer Polster mit einkalkuliert:

Wenn wir sagen, das Projekt wird 1 Jahr dauern, dann rechnen wir zu Beginn eigentlich damit, dass es nach 9 Monaten fertig sein müsste. Wenn dann das Projekt 1 Jahr und 1 Monat dauert, dann war ja unsere Schätzung ganz gut.

  • Wenn die Einschätzung trotz allem komplett daneben geht, dann lassen sich zumeist Schuldige finden – ohne das System als ganzes anzuzweifeln:

Der Projekt-Manager hat nicht sauber geplant. Der Vorstandsvorsitzende versteht den Markt und/oder seine Mitarbeiter nicht. Weg damit, der Neue wird es besser machen.

Es ist nichts Falsches daran, sich manchmal auch Sand in die Augen zu streuen, um ruhiger zu schlafen. Sich selber bzw. anderen ständig einzugestehen, dass man in vielen Situationen primär Passagier ist, kann unangenehme Gefühle auslösen. Und noch schlimmer zu einem “Ich kann ohnehin nix ändern”-bedingten Motivationsabfall führen. 

Das wäre falsch und ist genau diese Konklusion, die ich NICHT in diesem Blog ziehen möchte.

Ein Fussballer, der realisiert, dass er nicht ohne jegliche Widerstände Richtung Tor marschieren kann und sich daraufhin trotzig auf den Rasen setzt, würde von jedem Trainer sofort gefeuert. Sportler bekommen eingeimpft, dass sie ihr Bestes geben müssen und dann das Ergebnis demütig zu akzeptieren haben. Diese Erkenntnis darf keinen Einfluss auf deren unbedingten Siegeswillen zu haben. Es ist allerdings ein Eingeständnis, dass es eine gegnerische Mannschaft gibt, einen Schiedsrichter, einen Ball, der auch manchmal ein Eigenleben hat und ein Spiel, in dem viel Unerwartetes passieren kann.

Diese Mentalität wäre auch in einem Unternehmen angebracht. Hart zu arbeiten, sich ständig an neue Gegebenheiten anzupassen und die eigene Position und Beschränktheit demütig zu akzeptieren. Ich würde es toll finden, wenn in dieser Tonalität Projekte geplant werden würden und Umsatz-Voraussagen gemacht würden. Das würde vermutlich anfangs für große Verwirrung sorgen, aber die Zusammenarbeit wäre ehrlicher. Man könnte sich mehr auf die Lösung der eigentlichen Probleme kümmern und weniger Zeit damit verschwenden, den Schein eines falschen Systems aufrecht zu erhalten. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen von Herbert Prohaska coachen lassen? Er gibt regelmässig falsche Tipps ab und wird trotzdem immer wieder in das TV-Studio als Fussball-Experte eingeladen!

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