Wie erkennt man einen Nicht-Experten?

Es ist schön, für irgend ein Thema als Experte zu gelten. Es ist faszinierend, einen Vortrag zu halten und zu merken, wie das Publikum an den Lippen hängt. Und es ist ein Privileg, von echten Experten etwas zu hören oder zu lesen, das einen wirklich inspiriert und bereichert.

Wenn ich auf Konferenzen unterwegs war oder irgendwo etwas gelesen habe, dann war mein Test immer einen Zettel Papier zu nehmen und dort alles aufzuschreiben, was ich neues bei diesem Vortrag gelernt habe und für mein Leben in irgendwelcher Weise von Relevanz sein konnte. Das musste nicht komplett neu sein. Ich ließ es auch gerne gelten, wenn bei dem Vortrag etwas erklärt wurde, dass mir zwar intuitiv klar war, aber zuvor nicht so explizit. Auch das kann sehr bereichernd sein und ich war froh, dass ich die Zeit für das Zuhören oder Lesen investiert habe.

Leider blieb in vielen Fällen der Zettel leer. Entweder weil nur zum x-ten Mal Bull-Shit Bingo gefrönt wurde oder weil die Aussagen so abstrakt und generisch waren, dass ich für mein Leben keine neuen Erkenntnisse auf meinem Zettel notieren konnte. 

Liegt das daran, dass ich mittlerweile schon alles Notwendige weiß? 

Oder höre ich einfach den falschen Leuten zu?

Ersteres kann ich mit Sicherheit verneinen, bei zweiterem liegt wohl der Hund begraben. Es gibt großartige, inspirierende Menschen, von denen man unglaublich viel lernen kann. Die Kunst ist zweifelsohne diese Quellen zu finden. Was mich aber insbesondere beschäftigt, ist die Frage, was einen echten Experten ausmacht. Und daran die egoistische Frage anzuschließen: Wie kann ich zu einem Experten in einem bestimmten Themengebiet werden?

Ich habe darüber länger nachgedacht und bin auf vier Faktoren gekommen, die einen Experten-Vortrag charakterisieren:

  • Korrektheit
  • Klarheit
  • Relevanz
  • Kürze

Ein wahrer Experte erzählt korrektes, relevantes, in klarer Form, in der dafür minimal notwendigen Zeit. Pseudo-Experten verfallen entweder in Halb- oder Unwahrheiten (vs Korrektheit), beginnen oberflächlich zu schwafeln (vs Klarheit), erzählen alles und nichts (vs Relevanz) oder brauchen ewig, um auf den Punkt zu kommen oder schaffen es nie (vs Kürze). Es ist auch tatsächlich eine ungemeine Herausforderung, in allen vier Dimensionen zu brillieren und nicht das eine gegen das andere auszuspielen.

Nehmen wir an, dass wir einen hoch strategischen Vortrag über die “Digitale Transformation” halten sollen. Nehmen wir weiter an, dass wir großen Wert auf die Wahrheit legen und damit Korrektheit als gegeben nehmen. Was müsste nicht alles zu dem Thema gesagt werden, um der Komplexität gerecht zu werden? Welche konkreten Neuigkeiten wollen wir dem Publikum mit auf den Weg geben? Bei solch breiten Themen ist das eine fast unlösbare Aufgabe.

Was bedeutet diese Erkenntnis für uns Normalsterbliche, die zu vielen Themen als Experte auftreten dürfen (oder müssen?).

Aus meiner Sicht als Experte (jaja…) ergibt sich ein Verhältnis aus drei Faktoren:

  • Vorhandene Expertise (E)
  • Vorbereitungszeit (Z)
  • Präsentationsdauer (D)

Für die Verbindung gilt: Für eine bestimmte Qualität eines Vortrags, ist das mathematische Produkt (durch Multiplikation) der drei Faktoren konstant.

Also in Deutsch:

Je höher die Expertise, desto kürzer die notwendige Vorbereitungszeit bzw. Präsentationsdauer.

Je höher die Vorbereitungszeit, desto geringer die notwendige Expertise bzw. Präsentationsdauer.

Je höher die Präsentationsdauer, desto geringer die notwendige Expertise bzw. Vorbereitungszeit. 

Was bedeutet das also für Nicht-Experten (= geringe Vorhandene Expertise)?

  • viel Zeit investieren oder 
  • die Präsentationsdauer aufblasen oder 
  • einfach Nonsens liefern

Weil heutzutage oftmals die Zeit fehlt, bleibt nur mehr Option zwei und drei übrig. Insoferne verwundert es nicht, wenn meine Zettel für Mitschriften oftmals weiß bleiben und das Publikum nach kürzester Zeit in einen sanften Schlummer-Schlaf entschwebt.

2 Kommentare zu „Wie erkennt man einen Nicht-Experten?

  1. Lieber Stephan, in Teilen kann ich deinen leeren Zettel auch erleben und Deine Thesen nachvollziehen. Mein „Aber“ ist folgendes. An Deinem Beispiel Dig Transformation reibt sich doch die EInfachheit mit der Komplexität, bzw. das Gewohnte mit dem Gewünschtem bzw. das Behalten mit dem Loslassen von Gewohnheiten. DIgitale Transformation in eine mathematische Gleichung zu setzen ist eine sehr logische Vorgehensweise für eine sehr sehr emotionale Sache. Ich setze die Kraft der Widerstände mit einem Eisberg gleich.Die SPitze des Eisberges ist die Logik (oftmals auch das „muss“), darunter alles Gefühl. Deine Formel und Kritik richtet sich sehr auf die sachliche Seite und damit auf die SPitze des Eisberges. Wie wäre es wenn wir in der dig Transformation die emotionale Seite und damit die masse des Eisberges adressieren? Mit Angst oder mit Begeisterung? Sollte der Experte hier seine Stärken einsetzen? Wir hatten schon viele Transformationen, vor dieser digitalen Transformation. Keine davor hat soviele Menschen betroffen (7,6 mrd) und keine reichte so schnell in alle Bereiche unseres Lebens. Ein Teil Deiner Formel (E,Z,D) könnte somit ergänzt werden.E,Z,D + E: wie emotionale Relevanz 😉 . Bleibt damit aber immer noch eine logische Formel 😉 LG Ian

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    1. Hallo Ian!

      Danke für Deinen Kommentar. Bzgl. der „Digitalen Transformation“ gebe ich Dir recht, dass dies ein Themengebiet ist, wo sowohl höchste sachliche als auch emotionale Komplexität dahinter stehen.
      Mir ging es dabei aber gar nicht darum, Komplexität zu bewerten, sondern mehr darum, ein Thema „über-komplex“ darzustellen, weil man die Sache an sich gar nicht verstanden hat.

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