Wenn wir Entscheidungen treffen, dann hat das Auswirkungen auf unsere Zukunft, als auch auf unsere Umwelt. Es geht dabei oftmals um ein Abwiegen dieser Auswirkungen gegen unsere derzeitige, persönliche Kosten/Nutzen Rechnung.
Das Abwiegen der Auswirkungen auf unsere Zukunft wurde in beeindruckender Weise mit dem bekannten Marshmallow-Experiment getestet: Dabei wurden Kinder vor die Wahl gestellt, ob sie lieber SOFORT ein Stück Marshmallow haben wollten oder aber Geduld aufbringen konnte und dann SPÄTER zwei Stück Marshmallows zu bekommen. Vereinfacht war das Ergebnis, dass kognitiv kompetentere Kinder mehr Geduld aufbrachten (siehe auch “Belohnungsaufschub”).
Ich möchte nun diesen Gedankengang von der zeitlichen Dimension (jetzt vs später) auf die soziale – Dimension (Einzelner vs Gesamtheit). Als Einstieg hierfür folgendes Experiment:
Wir werden vor die Wahl gestellt. Entweder ich (Einzelner) bekomme 50 EURO oder unser Team/Organisation/Gesellschaft (= Gesamtheit) bekommt 100 EURO. Für was würden Sie sich entscheiden?
Lassen Sie uns diese Fragestellung allgemeiner gestalten. Hierfür möchte ich folgendes einfaches Modell aufstellen:
- Es gibt eine Handlungsoption H
- Wenn ich mich für diese Handlungsoption H entscheidet, verändert sich mein persönlicher Nutzen um den Wert P und der gesamtheitliche Nutzen meines Teams/Organisation/Gesellschaft um den Wert G.
- P und G können sowohl positiv als auch negativ sein. Ein positiver Wert bedeutet ein Nutzen, ein negativer bedeutet einen Schaden/ein Investment.
- In welchem Verhältnis müssen der Wert P und der Wert G stehen, dass ich mich für oder gegen die Handlungsoption H entscheide?
Also als Beispiel:
- Ich habe bei einem Fortbildungskurs etwas gelernt, das für Kollegen auch sehr nutzbringend wäre
- Ich habe nun die Handlungsoption, dieses Wissen zu dokumentieren und damit anderen zugänglich zu machen
- Dies bedingt aber einen P(ersönlichen Nutzen) < 0, weil ich für diese Dokumentation Zeit benötige
- Wenn mein erworbenes Wissen auch anderen zugänglich ist, würde das einen G(esamtNutzen) > 0 bedeuten, weil andere damit effizienter arbeiten könnten.
- Die große Frage: Entscheide ich mich dafür die Zeit für die Dokumentation zu investieren oder nicht?
Schauen wir uns zunächst mal die archetypischen Fälle in diesem Gedankenexperiment an:
1.Fall: P(ersönlicher Nutzen) < 0 und G(esamtheitlicher Nutzen) < 0:
Mit Ausnahme von extremen Konfliktsituationen würde man sich klarerweise gegen diese Option entscheiden.
2.Fall: P > 0 und G>0:
In einer Win-Win-Situationen werde ich nicht lange überlegen. Was gut für mich und für die Gesamtheit ist, werde ich tun.
Das sind die einfachen Einfälle, aber wie sieht die Situation aus, wenn der persönliche und der gesamtheitliche Nutzen diametral zueinander stehen?
3. Fall: P > 0 und G<0:
Ich ziehe einen Nutzen, wohlwissend dass ich damit der Allgemeinheit schade. Diese Konstellation tritt durchaus oft in unserem beruflichen und privaten Leben auf. Ich werfe den Abfall auf die Strasse, was für mich in dem Moment komfortabler ist, als einen Mülleimer zu suchen. Insgesamt schade ich aber der Allgemeinheit. Ich erledige eine Tätigkeit in der Firma mehr schlecht als recht, wohlwissend, dass das für meine Kollegen einen Mehraufwand bedeutet.
Und jetzt zu dem ursprünglichen Ausgangsfall:
4.Fall: P < 0 und G > 0:
Dies entspricht dem oben genannten Beispiel von “Weitergabe von Wissen”. Ich tätige ein Investment (= negativer Nutzen), um der Allgemeinheit einen Nutzengewinn zu verschaffen.
In den letzten beiden Fällen ist für die Bewertung insbesondere das Verhältnis von P und G relevant. In dem Extremfall “Egoist” würde die Entscheidung immer gegen die Handlungsoption ausfallen, sobald P negativ ist. Beim anderen Extremfall “Helfer-Syndrom” wäre hingegen nur der Faktor G > 0 relevant, koste es P was es wolle.
Nehmen wir aber einen Fall eines einigermassen sozial denkenden Menschens an, der mit relativ geringem Aufwand, viel Positives bewirken kann. Also runtergebrochen auf eine Fragestellung: “Ist der Einzelne bereit für einen vertretbaren persönlichen Aufwand dem Team/der Organisation/der Gesellschaft zu helfen?”
Genau dieses Szenario entscheidet aus meiner Sicht über den Erfolg von Teams, Organisationen und von Gesellschaften! Doch was treibt diese Entscheidung in die eine oder andere Richtung? Natürlich spielt die persönliche Neigung und Sozialisierung des einzelnen eine große Rolle. Aber es hat auch der Kontext eine große Bedeutung. Es gibt genug Beispiele von Menschen, die sich in einem privaten Verein unbezahlt aufopfern. Derselbe Mensch würde aber im Firmen-Kontext keine Sekunde an Mehr-Arbeit leisten, nur um der gesamten Firma zu helfen.
Im Firmenkontext wird für diesen Umstand oft die Unternehmenskultur als Schlüssel-Konzept herangezogen. Dieser Begriff ist zwar leider etwas abstrakt (und wird manchmal fälschlicherweise in die esoterische Ecke gerückt), wird aber andererseits durchaus der Breite und Komplexität der Fragestellung gerecht. Denn viele der Einflussfaktoren auf die Entscheidung in einer “P < 0 und G > 0”- oder “P > 0 und G<0”-Situation können tatsächlich mit der Kultur eines Unternehmens in Verbindung gebracht:
- Wie sehr identifiziert sich der einzelne Mitarbeiter mit dem Unternehmen als ganzes (Stichwort: Purpose)?
- Wie sehr bekommt der einzelne Mitarbeiter auch die Freiheit, sich Aktivitäten zu widmen, die NICHT in seinem unmittelbaren Rollenprofil stehen – aber für die Allgemeinheit einen Nutzen bringen?
- Wie sehr wird Kollaboration ermöglicht, gefördert und auch transparent gemacht?
- Wie sehr wird auf ein kollegiales, menschliches Klima wert gelegt?
Damit kann man im Idealfall, den Absolutwert des P beeinflussen. Gute Beispiel sind “Danke” – Awards, flexible Bonus-Systeme, die nicht nur auf den Eigenzweck ausgelegt sind, Team- statt Individual-Ziele.
Und natürlich ist es auch essentiell die “richtigen” Mitarbeiter im Unternehmen zu haben. Daher sollte man bei einem Bewerbungsgespräch genau hinhören, ob der Bewerber ein Mr. “Ich-und-Hinter-mir-die-Sinnflut” oder echter “Team-Player” ist.