Vielleicht kennt Ihr diese Situation auch:
Gemütlicher Abend mit Freunden, man beschliesst ein Spiel zu spielen. Wenn man sich auf ein bestimmtes Spiel geeinigt hat, dann besteht zunächst mal die Notwendigkeit alle Personen am Tisch bezüglich der Spielregeln auf einen Stand zu bringen. Es setzt Stimmengewirr ein:
Der Erste: “Also, bei dem Spiel geht es darum, am schnellsten alle Karten loszuwerden!”, die zweite: “Jeder kann sich mal eine Farbe aus… “ Zwischenruf: Wenn man vier Häuser hat, dann kann man diese gegen ein Hotel einlösen!” Korrektur-Schrei: “Hey, diese Karten gehören auf einen anderen Stapel!”
Verwirrung, sich anbahnender Unmut! Jetzt ist nur zu hoffen, dass jemand das Wort übernimmt, der gut erklären kann und dass die anderen derweil schweigen. Ansonsten kann sich das Vorgeplänkel oft so lange und mühsam dahinziehen, dass die überwiegende Mehrheit dafür plädiert “einfach nur zu quatschen” und das Spiel sein zu lassen…
Tja, gute, strukturierte Erklärungen sind nicht einfach. Wenn man jemanden zuhört, der diese Gabe hat, dann löst das bei mir Salven von Dankbarkeit aus. Wenn jemand versucht, etwas zu erklären, dies aber komplett ohne Struktur passiert, dann weicht man oft in schierer Verzweiflung in Floskeln a la “Du, so wichtig ist es mir ohnehin nicht, das zu verstehen” aus. Oder, wenn der andere auch noch mit Hartnäckigkeit gesegnet ist, bleibt dann nur mehr die finale Notlüge über: “Ahhhhhhh, jetzt hab ich es verstanden!”
Das wirft die Frage auf:
Was macht eine gute Erklärung aus? Beziehungsweise was macht jemanden zu einem guten “Erklärer”? Ist das tatsächlich eine von der Natur gegebene Gabe? Ist das eine Frage von Intelligenz?
Bei einem Weiterbildungs-Kurs auf einer Universität zum Thema Didaktik machten wir eine spannende Übung, die auf die oben gestellten Fragen manche Antworten gibt:
Es ging bei der Übung darum, die Zählweise im Tennis zu erklären. Diese ist tatsächlich komplex, bestehen aus so seltsamen Konstrukten wie “Spielen”, “Sätzen” und dem “Match”. Und niemand weiß warum, aber es werden Punkte in einem “Spiel” nicht 0,1,2,3,4 gezählt, sondern “15”, “30”, “40”, “Vorteil Spieler 1”, “Einstand”, usw.
Derjenige, der hin und wieder Tennis spielt oder im Fernsehen schaut, kennt die Zählweise. Die Herausforderung ist aber nun, diese in möglichst klaren Sätzen und möglichst kompakt einem Nicht-Wissenden zu erklären.
Anbei ein paar frei wiedergegebene Versuche von uns Teilnehmern:
Versuch 1:
Also beim Tennis spielen zwei Spieler um Punkte. Einer gewinnt. Das kann manchmal 3 oder mehr Stunden dauern. Bei den French Open muss man mindestens drei Sätze gewinnen, damit man als Sieger vom Platz geht. Bei anderen Turnieren sind es zwei Sätze. Wenn der erste Spieler den ersten Punkt macht, hat er “15” gewonnen. Dann werden die Seiten gewechselt. Besonders spannend wird es beim Tie-Break, das findet immer am Ende des Satzes bei 6:6 statt und wird mit normalen Punkten gezählt.
[Versuchsabbruch des Kursleiters aufgrund verzweifelter Blicke der Nicht-Wissenden]
Was ist hier passiert?
- Es wurden viele Informationen in relativ ungeordneter Form wider gegeben.
- Es werden Informationen geliefert, die entweder komplett ausserhalb der Aufgabe liegen (“Das kann manchmal 3 oder mehr Stunden dauern” -> hat nichts mit Zählweise zu tun!) oder viel zu früh ins Detail gehen (“Bei den French Open muss man mindestens drei Sätze gewinnen!”)
- Problematischerweise wurden noch Begriffe (“Satz”, “Platz”) verwendet, die zwar in anderen Domänen bekannt sind, in dem Kontext für einen Neuling aber nicht klar eingeordnet werden können.
Versuch 2:
Um beim Tennis ein Match zu gewinnen, müssen – je nach Turnier – entweder 2 oder 3 sogenannte Sätze gewonnen werden. Ein Satz besteht wiederum aus sogenannten Spielen. Für den Gewinn eines Satzes benötigt man entweder 6 gewonnene Spiele, wenn man mindestens zwei Spiele mehr als der Gegner hat oder 7 gewonnene Spiele. Ein Spiel besteht wiederum aus Einzelpunkten. Speziellerweise zählt man im Tennis diese Punkte aber nicht 1,2,3,4. Sondern man zählt beim ersten Punkt “15”, beim zweiten “30”, beim dritten “40” und beim vierten hat man das Spiel gewonnen. Auch hier gibt es wieder eine Ausnahme,…. [blabla]
Bei diesem Erklärungsversuch wurde schon einiges richtig gemacht:
- Er ist klar Top-down strukturiert
- Er “holt” den Zuhörer in seiner/ihrer Welt ab, betont z.B. durch das Wort “sogenannte”, dass es sich hier um einen spezifischen Fachbegriff der Domäne handelt.
- Das initiale Verständnis wird nicht durch unnötige oder zu detaillierte Informationen gestört.
Also schon gutes Niveau. Es gibt aber noch ein weiteres Kriterium, das ich für jede gute Erklärung als unabdingbar halte und das in einem großartigen Konzept mit dem Namen MECE beschrieben ist. Dies wurde von McKinsey definiert und wird auch bei deren Beratungen bei der Analyse eingesetzt.
Was heißt MECE und warum ist es so wichtig?
MECE steht für “Mutually exclusive, collectively exhaustive ” und ist eine Regel für die Kategorisierung von Einzelinformationen. Konkret geht es darum, Kategorien für die jeweilige Erklär-Domäne zu finden, die folgender Bedingung genügt:
Alle Einzelinformationen (collectively exhaustive) können in genau eine Kategorie (mutually exclusive) eingeordnet werden.
Also, als Beispiel:
Es gibt 10 Einzelinformationen. Wir finden 3 Kategorien für die gilt:
- Einzelinformation 1, 3, 7 und 9 können eineindeutig Kategorie 1 zugeordnet werden
- Einzelinformation 2, 4, und 10 können eineindeutig Kategorie 2 zugeordnet werden
- Einzelinformation 5, 6 und 8 können eineindeutig Kategorie 3 zugeordnet werden
MECE ist kein Selbstzweck und keine akademische Übung. Es schafft eine Reduktion der Komplexität für viele Problem-Domänen und erleichtert das Gesamt-Verständnis essentiell. Es ist sozusagen ein Blick aus der Vogelperspektive auf die gesamte Domäne, der am Anfang, während und am Ende der Erklärung hilft, um den Überblick zu gewinnen und zu behalten. Für den Erklärenden bedeutet aber natürlich MECE einen Zusatzaufwand und erfordert ein besonders gutes Verständnis der Domäne.
Wie würde also unsere Erklärung der Tennis-Zählweise mit MECE aussehen?
Versuch 3:
Um die Tennis-Zählweise zu verstehen muss man die folgenden Prinzipien verstehen:
- Wie gewinne ich ein Match?
- Wie gewinne ich einen Satz?
- Wie gewinne ich ein Spiel?
Nun zum ersten Prinzip “Wie gewinne ich ein Match”:
Ein Match besteht – je nach Turnier – entweder 2 oder 3…
…
Soweit alles klar?
Dann zum zweiten Prinzip: “Wie gewinne ich einen Satz?”
…
Ich gestehe, dass mein eigener Versuch bei dieser Tennis-Zählweise-Erklär-Übung irgendwo zwischen dem Versuch 1 und dem Versuch 2 angesiedelt war. Von Gesamt-Struktur und MECE war ich weit entfernt, und das obwohl ich seit mehr als 30 Jahren selber Tennis spiele. Jedenfalls habe ich viel damals gelernt und versuche mich immer wieder selber an diese Prinzipien zu erinnern.
Bei Gesellschaftsspielen bin ich allerdings meistens zu faul, um die volle Beschreibung der Spielregeln zu lesen (die übrigens zumeis nach MECE Prinzipien aufgebaut ist). Da lasse ich lieber irgend welchen Übereifrigen den Vortritt, irgendwann bekommt man dann die Regeln ja auch irgendwie mit. Und was ich mit fortschreitenden Alter gelernt habe, ist, dass Verlieren einem harmonischen, vergnüglichen Spiele-Abend durchaus zuträglich ist. Dafür gibt es kein Prinzip von McKinsey, diese Regel habe ich selber aufgestellt.