Ein Thermen-Wochenende ist eine wunderbare Sache. Es schafft Erholung, entschleunigt und schärft auch die Sinne. Das Element “Wasser” ist inspirierend und eignet sich für viele Analogien. Dieser Blog beschreibt eine dieser Analogien und ist gedanklich tatsächlich in einer Therme entstanden:
In der Therme, wo ich das Wochenende verbracht habe, gibt es vielfältige Angebote in Bezug auf das Element “Wasser”. Neben den “normalen” Wasser-Becken auch eine “Gegenstrom-Anlage”, ein “Strömungs-Becken” und auch ziemlich rasante Rutschen. Da ich ausreichend Zeit (und entsprechenden Druck von meinem Junior) hatte, probierte ich auch alle diese Angebote aus und tatsächlich hatte jedes dieser Umgebungen seinen Reiz:
- Im “normalen” Wasserbecken konnte man ewig verweilen, es war im positiven Sinne langweilig.
- Das “Strömungs-Becken” war faszinierend, weil man selber nicht viel tun musste und von der Strömung mitgetrieben wurde. Man verspürt eine interessante Balance zwischen bewusster Inaktivität und ausreichender Kontrolle, um trotz der Strömung nirgendwo anzustossen.
- Die “Gegenstrom-Anlage” ermöglichte ein Schwimmen am Stand, man konnte sich bewusst auspowern.
- Die “Rutsche” sorgte dafür, dass man die Kontrolle verlor und in den Kurven von der Strömungen hin- und hergeworfen wurde. Im Vertrauen darauf, dass die Rutsche sicherheitskritisch konzipiert war, konnte man diese Hilflosigkeit aber sogar als lustiges Abenteuer wahrnehmen.
Diese Erfahrungen ließen mich über das Thema “Ich” in unterschiedlichen Umgebungen nachdenken:
Auch im privaten und beruflichen Alltag finden wir uns in einem dieser vier Umgebungen. Wir fühlen uns manchmal im “Flow” (Strömungs-Becken), manchmal mit Widerstand konfrontiert (“Gegenstrom-Anlage”), manchmal weitgehenst autark (“normales Becken”) oder von unserer Umgebung sogar überrollt (“Rutsche”).
Auf den ersten Blick erscheint der “Flow” als der erstrebenswerteste Zustand, weil wir da mit geringem Aufwand und gleichzeitiger Kontrolle voran kommen. Das wird auch im “Flow”-Modell von Mihaly Czikszentmihalyi so beschrieben.1
Ich denke aber, dass wir all diese Umgebungen brauchen – dies aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlicher Intensität. Denn jede dieser Umgebung hat Vorteile- aber auch Nachteile. Es geht also meiner Meinung nach darum, die passende Umgebung für die jeweilige Lebenssituation bzw. Aufgabe auszuwählen:
- Der Flow ist hoch-effizient und wir sind immer noch der Chef unserer Welt. Aber es kann auch leicht passieren, den “falschen” Flow zu folgen, also den “falschen” Menschen zuzuhören bzw. nachzufolgen.
- In manchen Situationen benötigt es daher auch “Querdenken” und “Gegen-den-Strom-Schwimmen”. Das ist natürlich anstrengend und ist daher wohl zu überlegen.
- Hin und wieder benötigen wir die “Ruhe”, ein stilles Wasser, wo wir einfach für uns selber sind. In diesen Momenten passieren keine Revolutionen, keine Karriere-Sprünge. Aber wir benötigen diese, um unsere Batterien aufzuladen.
- Manchmal müssen wir auch von unseren “Umwelteinflüssen” überwältigt werden, auf der “Rutsche” des Lebens in neue Gewässer geschwappt werden. Das ist erlebte Transformation und ermöglicht im Idealfall einen Quantensprung in unserem Leben. Unser Bauch zeigt es (auf einer Rutsche) allerdings oftmals an: Da passiert etwas Heftiges, da fühle ich mich im Moment nicht wohl.
Der Schlüssel für die Entscheidung der passenden Umgebung ist die aktive Selbstwahrnehmung:
Wie geht es mir gerade?
Was will ich erreichen?
In der Therme kann man sehr schnell und aktiv von einer Umgebung in die nächste wechseln. Das geht im privaten und beruflichen Alltag nur bedingt. Aber wir haben diese Wahlfreiheit öfters als wir das vielleicht wahrnehmen. Ich kann mich sehr wohl aus Diskussionen ausklinken, deren Strömung mir widerstrebt. Ich kann bewusst eine Gegen-Position einnehmen, wenn ich meine sozialen Muskeln stärken möchte. Und ich kann mich selber manchmal ins kalte Wasser werfen, wenn ich eine revolutionäre Veränderung für richtig halte. Das braucht Selbstwahrnehmung und eine mutige, aktive Entscheidung!
Vielleicht hilft ein Thermen-Aufenthalt, um für diese Entscheidung die Sinne zu schärfen.
Fussnoten
1 Trotz der Namensgleichheit lässt sich das “Flow-Modell” nur bedingt auf die von mir oben genannte Beschreibung der verschiedenen Umgebungen anwenden. Im “Flow-Modell” geht es nämlich mehr um den “inneren” Flow, der durch ein ausgewogenes Verhältnis der eigenen Fähigkeit bezogen auf die Schwere einer Aufgabe erreicht wird.