Die Konferenz der Software-Programme – Teil 2

Nach einem intensiven ersten Konferenz-Tag [Link zu Teil 1], an dem über Infrastructure as Code diskutiert wurde, fanden an der virtuellen Bar noch angeregte Diskussionen statt. Alle waren gespannt, was am zweiten Tag der Konferenz noch an Themen aufkommen würde.

Als “Inspirational Speaker” war für den Beginn ein Menschen-Psychologe eingeladen. Diese Idee fiel einem der ERP-Software-Programme ein, die besonders oft von Menschen als Sündenbock verwendet werden. Die Begründung war sehr eingänglich: “Wenn wir die Zusammenarbeit zwischen uns Software-Programmen und den Menschen verbessern wollen, müssen wir die Psyche der Menschen verstehen!”

Der Psychiater war etwas verunsichert, welchen Inhalt er für seinen Vortrag wählen sollte. Er war schon oft auf diversen Medizin-Kongressen aufgetreten, aber er hatte noch nie einen Vortrag auf einer Konferenz von Software-Programmen gehalten. Also entschied er sich dafür, einfach aus seiner beruflichen Praxis zu erzählen. “Menschen tun sich oft schwer, Ihre Wünsche klar zu artikulieren!” 

Allgemeine Zustimmung und spontaner Szenen-Applaus. 

Der Psychiater – sichtlich erfreut und erleichtert, dass er das Publikum von Anfang an abgeholten konnte – fuhr fort: “Was ich also immer bei meinen Therapien sage, ist, dass der Mensch ein klares Zielbild formulieren muss. Das ist die erste und wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Deployment und Betrieb.” Der Psychiater schmunzelte still in sich hinein. Er würde in einer Therapie normalerweise niemals Begriffe wie “Deployment” bzw. “Betrieb” verwenden, aber er hatte sich in die IT-Welt eingelesen und wollte zeigen, dass er sich an den IT-Kontext anpassen konnte.

“Schauen Sie”, sprach er weiter. “Ein oftmals angewandtes Konzept für Therapien sind sogenannte Affirmationen. Das sind kurze Sätze, die man gemeinsam mit einem Klienten erarbeitet. Diese sollen einen gewünschten Zielzustand beschreiben. Man schreibt die Affirmationen auf kleine Zettel und der Klient wird dann aufgefordert, sich diese immer und immer wieder vorzusagen und sie damit zu verinnerlichen. Als Beispiel ‘Ich bin ein liebenswerter Mensch!’ oder ‘Ich erreiche alles, was ich mir ernsthaft wünsche’ oder mitunter auch sehr konkret ‘Ich werde die Prüfung Betriebswirtschaftslehre am 23.Oktober positiv ablegen’. Das Interessante daran ist, dass der Glaube und die Präsenz dieser Zielzustände, automatisch dazu führen, dass man sein ganzes Tun darauf ausrichtet. Es klingt nach Magie, ist es aber nicht. Es ist eine bewusste Orientierung auf ein klar definiertes Ziel.” 

Die Software-Programme im Publikum lauschten andächtig. Wie sehr würden sie sich wünschen, dass die Menschen sich so klar gegenüber ihnen artikulierten. Ein Plattform-Programm mit dem Namen Kubernetes wartete gar nicht auf die Schluss-Worte des Psychiaters, sondern platzte sofort heraus: “Ich kenne diese Logik als deklarativen Ansatz. So wurde ich von Anfang an konzipiert und das hat mein und das Leben meiner Anwender deutlich einfacher gemacht. Sie übergeben mir viele kleine “Zettelchen”, (also Konfigurations-Dateien”), tatsächlich 1 Datei für jedes Objekt, das ich managen soll. Dabei geht es allerdings nicht darum, was ich Schritt für Schritt tun soll, sondern ausschließlich wie die Menschen sich den Zielzustand für dieses Objekt wünschen. Sie sagen mir was, sie wollen und ich sorge dafür, dass das genau so passiert. Ich kenne mein System selber am besten, deswegen weiß auch ich am besten, wie ich den Zielzustand erreichen kann.” 

Sofort kamen Rückfragen aus dem Publikum auf. “Also”, fuhr Kubernetes fort. “Ich soll z.B. eine bestimmte Applikation auf meiner Plattform managen. Ich bekomme auf diesem Zettelchen also den Namen mitgeteilt, mit der ich diese Applikation registrieren soll, den Ort, wo ich den Source-Code für diese Applikation finde (Image), wie viele Instanzen gleichzeitig laufen sollen (Anzahl Replicas) und ob/wie diese Software für die Außenwelt zugreifbar ist (Ports).”

“… und das soll so etwas außergewöhnliches sein?”, hakte ein anderes Software-Programm ein. “Für mich gibt es auch ein Betriebshandbuch. Da kann man alles nachlesen! Und wenn man den Anweisungen folgt, dann funktioniere ich auch wie gewünscht!”

Kubernetes ließ sich nicht irritieren. “Ja, das ist außergewöhnlich”, antwortete Kubernetes. “Diese Zettelchen sind nämlich nicht nur eine Dokumentation, sondern meine Konfiguration, meine Bibel. Und, sie gelten für mich nicht nur einmal bei der Installation, sondern bis auf Widerruf. Sollte sich nämlich irgend etwas ändern, z.B. ein Server stirbt oder eine Instanz antwortet nicht, dann ist es meine Verantwortung den gewünschten Zustand wieder herzustellen. Die Menschen nennen das glaube ich automatic operations. Ich persönlich finde das ja etwas anzüglich, denn ich muss mich aktiv um alles kümmern, das ist gar nicht so einfach. Aber aus Sicht der Menschen ist es automatic, denn es erleichtert deren Leben massiv. Und ich muss sagen, ich nehm für mich den Mehraufwand gerne in Kauf, denn die Zusammenarbeit funktioniert auf dieser Basis deutlich besser.”

“… und das ist auch die Macht dieser Affirmationen, die ich vorher beschrieben habe”, ergänzte der Psychiater. “Das Leben ist dynamisch, voll von überraschenden Ereignissen. Affirmationen erinnern uns immer wieder an das ursprüngliche Ziel, ganz egal, ob wir uns am direktesten Weg befinden oder komplett abgedriftet sind.”

Das fanden dann doch viele Software-Programme bemerkenswert. Sie waren es sonst nur gewohnt, Befehle entgegen zu nehmen und das 1:1 auszuführen. Viele konnten sich an zahlreiche Ereignisse erinnern, wo dies zu erheblichen Frustrationen auf beiden Seiten geführt hatte.

Ein besonders innovatives Software-Programm hatte schon den Gedanken weitergedacht: “Das bedeutet also, dass die gesamte Logik für Deine Betriebsart in diesen “Zettelchen” enthalten ist, richtig? Sollte also der Blitz einschlagen und alles zerstören, dann kann Deine gesamte Umgebung mit Hilfe dieser “Zettelchen” wieder hergestellt werden!”

“Exakt”, stimmte Kubernetes bei und freute sich, dass das Konzept zumindest bei manchen Zuhörern verstanden wurde. “Gemeinsam mit dem ‘Infrastructure as Code’ Prinzip ist der gesamte Status der Umgebung jederzeit reproduzierbar. Vorbei sind die Zeiten, wo irgend etwas nicht funktionierte und man die Problemursache, wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen musste. Oftmals war es dann irgend eine vermeintliche Kleinigkeit, die von einem System-Admin irgendwo an einer komplett anderen Stelle geändert wurde.”

Die Diskussion wurde beendet, weil die Zeit vom Konferenz-Tag bereits weit überschritten wurde. Aber die neuen Inspirationen hallten nach. Deklarative Konfiguration schien ein klares Versprechen zu sein, Software-Systeme nachvollziehbarer und stabiler zu gestalten.

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