Ich habe in einem früheren Blog über das Thema “Abstraktion” geschrieben, unser Freund und Helfer, um die Komplexität der Welt zu beherrschen. Dieses Konzept begegnet uns immer und überall und scheint durch die fortschreitende Technologisierung noch mehr zuzunehmen. Das ist ein generelles Faktum. Die Frage ist aber, wie wir als Menschen damit tagtäglich umgehen. Klar, das ist zu großen Teilen individuell unterschiedlich, hängt von Faktoren wie Risiko-Aversion vs Risiko-Freudigkeit, Alter, Technologie-Wissen, etc. ab.
Doch ich möchte mich dem Thema generischer nähern und daraus dann hoffentlich wertvolle Erkenntnisse für uns alle gewinnen. Das ganze unter dem Kontext “Technologie-Komplexität”, viele der Überlegungen lassen sich aber auch ganz allgemein für “Komplexität” anwenden.
Zunächst als Einstieg für die weitere Auseinandersetzung ein paar Gedankenanregungen:
- Wir bewegen uns mit unserem Auto mit atemberaubenden 130 km/h, haben aber keinen blassen Schimmer, wie die Lenkung im Detail funktioniert
- Wir sind im privaten und beruflichen Leben auf das Internet angewiesen. Wer könnte aber tatsächlich den Daten-Verkehr, der über unsere Leitungen geht 1:1 nachvollziehen?
- Wir leben in einem Land, wo Friede herrscht. Wer von uns könnte ernsthaft behaupten, die internationalen Verträge zwischen den Super-Mächten zu kennen, die unter anderem diesen Frieden gewährleisten.
Wir nutzen und vertrauen also Mechanismen, die die Komplexität für uns ausblenden. Oder anders gesagt: Wir “abstrahieren” die Komplexität weg. Wir nutzen die “Abstraktion” Lenkrad und steuern damit ein hoch-komplexes Gefährt. Wir nutzen die “Abstraktion” Internet, ohne die Komplexität darunter zu verstehen. Wir nutzen die “Abstraktion” Friede und Staatssicherheit, ohne zu verstehen, wie und warum dieser Friede besteht.
Was all diesen Beispielen gemeinsam ist: Die Abstraktionen, die wir nutzen, sind essentiell, entscheiden in vielen Fällen buchstäblich über Leben und Tod. Man müsste also vermuten, dass wir unsere ganze Energie darauf verwenden, um uns zu versichern, dass wir dieser Abstraktion vertrauen können. Doch das ist einfach nur bedingt möglich.
Wie gehen wir Menschen also mit dem Thema “Komplexitäten” um? Hierfür gibt es 4 Extrem-Zugänge (und natürlich unzählige Mischformen):
- Der “Ich-will-alles-verstehen-und-kontrollieren”-Freak: Dieses vermutlich von Gottfried Willhelm Leibniz (“letzter Universalgelehrter”) abstimmende Individuum versucht durch tage- und nächtelange Recherche an den Punkt zu kommen, alles zu verstehen. Egal, ob die Funktionsweise der Kaffeemaschine, die Weltpolitik oder das Spielzeug-Feuerwehrauto des Nachwuchs. Alles wartet darauf, entdeckt und verstanden zu werden. Und Gnade den Stammtisch-Brüdern, die sich nicht die ausladende Erklärung des Leibniz-jun.jun.jun. anhören wollen.
- Der “autarke Zivilisations-Verweigerer”: Diese Person ist sich der unüberwindlichen Komplexität bewusst und versucht in ein Hippie-Leben zu flüchten, in dem es nur um Tofu, Ringelblumen bzw. Sonnenauf- und -untergang geht. Soziale Kontakte sollten dabei allerdings tunlichst vermieden werden, denn auch da ergibt sich rasch eine Komplexität, die nicht ergründet werden kann.
- Der “Komplexitäts-Phlegmatiker”: Dieser erklärt den Satz “Ist eh alles wurscht” zum Lebens-Motto. Überforderung ja, Kontrollverlust sowieso. Aber so lange der Knopf auf der Fernbedienung zum Einschalten des Fernsehers funktioniert, lohnt es sich immer noch in der früh aufzustehen.
- Der “Komplexitäts-Pragmatiker”: Er/Sie gesteht zwar ein, nicht alles zu verstehen, kämpft aber darum, den Überblick bei den entscheidenden Themen zu bewahren. Das gelingt manchmal schlechter und manchmal besser.
Ich konnte in der Beschreibung der vier Archetypen vermutlich schlecht verhehlen, wo aus meiner Sicht die Reise hingehen sollte. Ja, Pragmatismus ist das Gebot der Stunde. Und damit verbunden die heutzutage immer wichtiger werdenden Fähigkeiten:
- Überblick zu behalten
- Einordnen zu können
- konzeptionell zu denken und sich nicht in Details zu verlieren
Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit Autos:
Wir werden es nicht schaffen, Autos unserer Generation in ihrer gesamten Komplexität zu verstehen. Aber es IST essentiell für unser Leben, sich intensiv damit auseinander zu setzen, in welches Auto wir einsteigen und es ist essentiell, das Auto richtig bedienen zu können. Daher ist es also sehr wohl sinnvoll, sich mit den unterschiedlichen Herstellern von Autos zu beschäftigen, Unfall-Statistiken zu lesen und sich mit den Fahrsicherheits-Features der unterschiedlichen Modelle zu beschäftigen. Und es ist ebenso wichtig, seinen Fahr-Stil ständig zu hinterfragen und gegebenenfalls durch Trainings zu verbessern (z.B. Fahrsicherheits-Training).
Kurz gesagt: Was die heutige Zeit verlangt, ist Demut gegenüber der Gesamt-Komplexität, und das bewusste Erkennen und Akzeptieren unserer Gestaltungs- und Verantwortlichkeitsräume. Denn weder wir selber noch ein Richter wird es bei einem Unfall als maßgebliche Entschuldigung gelten lassen, dass wir “sowieso die ganze Komplexität eines Autos nicht verstehen!”
Auch in der IT sind diese Pragmatismen gefordert: Kaum eine Applikation wird vom ersten bis zum letzten Byte von ein und demselben Team programmiert werden. Mehr denn je ist die Verwendung von Standard-Komponenten (“3rd party components”), wie z.B. Programmier-Frameworks, Web-Server, Messaging-Services, udgl. unerlässlich und auch aus Kosten- und Stabilitätsgründen sinnvoll. In jedem Fall bleibt aber die Auswahl der am besten passendsten Standard-Komponenten und die Gesamtverantwortung bei dem Applikations-Team. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden.