Alle Menschen leben auf der Erde. Das ist schon mal per-se eine Einschränkung, mit der wir klar kommen müssen. Und die aktuellen Entwicklungen führen uns mehr und mehr vor Augen, dass auf der Erde nur limitierte Ressourcen vorhanden sind. Das führt zu Konflikten, zu Spannungen. Genauso wie auf globaler Ebene kennen wir das auch im persönlichen Bereich: Dort wo mein Haus steht, kann der Nachbar nicht sein Haus bauen. Und auch Kinder lernen das früh: Mein Spielzeug gehört mir. Spiel mit was anderem!
Auf der anderen Seite lernen wir auch früh, dass es nicht immer entweder oder heißen muss. Denn viele Ressourcen können auch gemeinsam genutzt werden. Nicht jeder Mensch braucht einen eigenen Zug, ein eigenes Kraftwerk, eine eigene Strasse. Dies kann weitgehend ohne persönliche Einschränkung von vielen benutzt werden – so lange es klare Regeln gibt und die auch von allen respektiert werden.
Aus diesen beiden Aspekten heraus ergibt sich für jede Art der Ressource ein Spannungsfeld. Was möchte ich in meiner alleinigen Kontrolle und Herrschaft haben und was kann relativ friktionsfrei mit anderen gemeinsam genutzt werden. Die entscheidenen Faktoren sind:
- die faktische Teilbarkeit des Gutes
- die damit verbundenen Kosten/Aufwände vs dem Nutzen
Also, an konkreten Beispielen herunter gebrochen:
- Meine Zahnbürste könnte ich zwar theoretisch mit anderen teilen, aber die dadurch mögliche Kosteneinsparung steht in einem schlechten Verhältnis zu meinem empfundenen Ekel, dass mit meiner Zahnbürste gerade drei andere (fremde) Menschen geputzt haben.
- In den Urlaub könnte ich mit einem Privat-Jet fliegen. Aber die Kosten wiegen die persönliche Freiheit, mich in der Economy-Class nicht auf 0,5 Quadratmeter zwängen zu müssen, nicht auf.
Ähnliche Überlegungen gibt es in der IT bei dem Thema Virtualisierung bzw. Cloud Computing. Ist es effizient für jede Applikation eine eigene, dedizierte physische Hardware für Rechenleistung, Storage und Netzwerk zur Verfügung zu stellen? Für 99% der Applikationen vermutlich nicht. Da bringt eine Virtualisierung eine bessere Effizienz. Die Applikation teilt einer zentralen Autorität ihre Wünsche mit und bekommt dann IT-Ressourcen aus einem Pool von IT-Ressourcen zur Verfügung gestellt. Sorgt das manchmal für Friktionen? Mit Sicherheit, denn auch Applikationen können gierig sein und sich nicht an allgemeine Regeln halten. Aber das ist dann die Aufgabe der zentralen Autorität, dies zu unterbinden.
Natürlich gibt es auch bei der IT-Virtualisierung wieder ein Kontinuum an Varianten, z.B:
- Klassische Virtualisierung mit Virtuellen Maschinen teilen sich lediglich die physische Hardware. Ab dem Betriebssystem darf weiterhin jede Applikation “ihr eigenes Ding machen”
- Container virtualisieren bis zum Betriebssystem (Linux, Windows, MacOS). Das bedeutet, dass Container – in Analogie zum obigen Beispiel – in einem gemeinsamen Flugzeug sitzen, aber jeder Container eine eigene Zahnbürste benutzen darf.
Am Ende des Tages geht es immer um ein Ausbalancieren von Kosten und Nutzen. Wieviel darf zentralisiert sein (“shared”), um Kosten zu sparen. Und für welche Komponenten ist aufgrund von Risiko, Qualitätsanforderungen, Geschwindigkeit, Komfort, etc. eine isolierte, exklusiver Gebrauch gewünscht.
In der IT scheint die Reise Richtung Container und damit zu mehr gemeinsamer Nutzung zu gehen. In der Gesellschaft und Politik geht es aufgrund von übergrossen Egos und Partout-Standpunkten oftmals in die andere Richtung: Nationalstaaten werden wieder wichtiger als multi-nationale Verbünde. In der aktuellen Krise denken viele wieder mehr an Autonomie und weniger an gemeinsames Win-Win.
Tatsächlich gibt es kein richtig oder falsch. Gemeinsame Nutzung erfordert Vertrauen und Erfahrung. Das kann nicht von oben aufoktroyiert werden. Man kann klein beginnen und stellt dann hoffentlich fest, dass es auch Spass machen kann. Also, kaufe ich mir keinen eigenen Schlagbohr-Hammer, sondern borge mir den für die seltenen Fälle, wo ich einen brauche, den Schlagbohr-Hammer von meinem Nachbarn aus. Bei der Rückgabe nehme ich eine Flasche Bier mit, die wir dann gemeinsam trinken. So macht Teilen Spass und beide haben einen persönlichen Nutzen.